Müssen wir immer Gewinner sein?

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Zugegeben: Das “wir” in der Überschrift ist etwas frech.

Denn eigentlich müsste die Frage lauten: “Muss ich immer ein Gewinner sein”?

Zumindest war dies bis dato ein Thema, das mein Leben bewegt hat – wie ich in einem Online-Coaching mit Klaus Schnalzger herausgefunden habe (Siehe die zweite Folge der neuen martin.tv Staffel: “Martin dreht einen Film”).

Aber in diesem Blogbeitrag möchte ich meinen höchstpersönlichen Senf zur aktuellen Finanzkrise bei tun.

Und die Frage stellen: Wie ist es möglich, dass wir endlos arbeiten und immer leistungsfähiger werden – und nun doch vor einem so großen, globalen Bankrott stehen?

Meines Erachtens könnte die globale Finanzkrise auch mit dem Thema zu tun haben, mit dem ich selbst in den letzten Wochen konfrontieren musste.

Dem Thema: Gewinner sein müssen.

Die Betonung liegt dabei auf “müssen”.

Wie ein Mantra zieht sich das Loblied des Erfolges nicht nur durch Presse, Funk und Fernsehen – sondern ist auch der ewige Dauerbrenner im Geschäft der Lebenshilfe-Industrie (in der ich, wie ich ja nie müde werde zu betonen, ebenfalls mein Eisen zu schmieden trachte).

Aber als e:ffectivity! Trainer (Thema: Wie arbeite ich effektiver und produktiver?) kenne ich die Kehrseite der Medaille: Mitarbeiter, Führungskräfte, die fünf Tage die Woche zehn Stunden und mehr wuppen, gestresst von täglich Hundert Mails und mehr, endlosen To-Do Listen, Besprechungen und dem permanenten Druck, immer noch zu wenig zu leisten.

Eine Situation, die ich selbst aus dem EffEff kannte, und der ich durch immer raffiniertere Nutzung von Software, Planungs- und Ablagetechniken zu begegnen versuchte – bis mir eines Tages dämmerte: Die Lösung liegt nicht darin, noch mehr in weniger Zeit zu erreichen.

Sondern sich weniger vorzunehmen.

Klingt logisch.

Gerade zu banal.

Aber dennoch: Nicht nur für viele meiner Teilnehmer nur bedingt umsetzbar. Sondern auch für mich (siehe weiter unten)

Für meine Teilnehmer, fast alle Angestellte, kommt der Druck von oben: Noch mehr Marktanteile, noch mehr Output, noch mehr Features, noch mehr Qualität – für noch weniger Geld.

Und das bitte am besten schon gestern.

Der Markt will es ja so. Und wir müssen wachsen, sonst werden wir vom selbigen gefegt.

Also: ranklotzen. Und zwar am besten noch ein bisschen schneller als bisher.

Die Folgen dessen erlebe ich immer wieder in persönlichen Coachings mit Teilnehmenden: Sie arbeiten sich in der täglichen Leistungsmühle einen Wolf und sitzen abends auf dem Sofa und können sich weder auf Familie noch Fernsehen so richtig konzentrieren, weil ihnen Fragen durch ihren Kopf schwirren wie: “Habe ich heute wirklich alles geschafft? Woran muss ich morgen noch denken?”

Und nun das: Trotz Stress, trotz Hetze, trotz höherem Leistungsdruck und höherer Leistungsfähigkeit erleben wir einen finanziellen Bankrott weltweit, den Experten als den schlimmsten seit der großen Depression bezeichnen.

Wie ist das möglich?

Wie kann es sein, dass wir uns zu Tode placken und doch vor einem finanziellen Fiasko solch epischen Ausmaßes stehen?

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Ich glaube, dass die Frage falsch gestellt ist.

Vielleicht müsste sie so lauten: Kann es sein, dass wir vor einem finanziellen Fiasko stehen, weil wir uns zu Tode placken?

Da ich weder Soziologe noch Ökonom bin, kann ich diese Frage gesamtgesellschaftlich nicht beantworten.

Aber ich kann für mich sprechen.

Solange ich dachte, dass ich immer ein Gewinner sein muss, solange war es für mich unmöglich, aufzugeben.

Das habe ich dieses Jahr (2008) am eigenen Leib erlebt. Durch den Verlust eines Geschäftspartners hatte ich plötzlich viel zu viel auf der Platte liegen, und die Konsequenz hätte lauten müssen: Sich aufs Wesentliche konzentrieren. Weniger machen. Projekte ab- oder auch aufgeben.

Das hätte aber auch bedeutet, einen Geschäftszweig ab- oder gar aufzugeben, in den ich viel Zeit und Geld investiert habe.

Für mich eine überaus schmerzliche Situation.

Schlimmer noch: Geradezu unlösbar, solange das Mantra “Ich muss gewinnen” bestand.

Denn das Aufgeben hätte auch bedeutet: Zugeben, dass ich es nicht schaffe. Und dass es mir nicht gelungen ist, das Projekt zu dem Erfolg zu führen, den ich mir vorgenommen hatte.

Ergo: Augeben = Verlieren im doppelt, dreifachen Sinne. Projekt futsch. Geld futsch. Und den eigenen Leistungsanspruch komplett massakriert.

Wer will das schon?

Ich zumindest nicht.

Aber welchen Preis musste ich dafür zahlen?

Stress. Schwierigkeiten.

Und, ja, auch finanzielle Verluste.

Weil sich die Konzentration auf zu viel verteilen musste, ging das meiste dann nicht mit der Konsequenz vonstatten, die erforderlich ist, wenn es richtig gut gelingen soll.

Die Unfähigkeit zu scheitern, hat eben ihren Preis.

In dem Sinne hat sich das Coaching, das Sie sich hier bei coach-your-self.tv lesen, hören und sehen können, allemal gelohnt.

Wie der Affe, der seine Hand in das Baumloch führt, um Nüsse zu stiebitzen und dann gefangen ist, weil seine Faust größer ist als das Baumloch – so kann das “immer gewinnen wollen” zur Falle werden, der man nur entkommt, wenn man die Faustformel des ewigen Gewinnerseinwollens loslässt.

Und vielleicht ist das ein Aspekt, den wir beim Bewältigen der Finanzkrise ebenfalls in Betracht ziehen sollten: Haben wir uns vielleicht einfach zuviel zugemutet? Zu viel gewollt? Und nicht gekonnt?

Wurden wir zu Verlierern, weil wir zu sehr gewinnen wollten?


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  1. frank.hannusch@web.de sagt:

    Gern dürfen wir uns umsehen und schlau machen unter: http://www.zeitschrift-humanwirtschaft.de
    Die Frage ist nur: “Wenn nicht so, wie dann?”

  2. Hallo Herr Hannusch,

    was genau ist denn die Botschaft dieser Zeitschrift?

    ;-)

    Martin Weiss

  3. frank.hannusch@web.de sagt:

    Hallo Herr Weiß,
    die Zeitschrift Humanwirtschaft thematisiert das aktuelle Geldsystem. Sie zeigt damit ungeahnte Zusammenhänge zu aktuellen wirtschaftlichen, sozialen und politischen Situationen auf.
    hier ist ein Auszug:
    “Immer mehr Kinder leben in Armut”-”Überschuldungen der Haushalte nehmen zu”-”Die Schere zwischen Arm und reich geht weiter auseinander”.
    Solche und anderen Meldungen begegnet man in den Medien immer häufiger! Aber wie ist es überhaupt möglich, dass in einem Land, in dem die Wirtschaftsleistung ständig zunimmt und der Reichtum förmlich explodiert, immer mehr Haushalte unter jene “60% des Durchschnittseinkommens” fallen, die man bei uns als Armutsgrenze festgeschrieben hat?

    Ein frohes Weihnachtsfest und einen Guten Rutsch ins Neue Jahr
    Frank Hannusch

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