Erfolgsrezept?
Wir haben hier auf coach-your-self.tv schon öfter untersucht, wie Erfolg entsteht.Dazu gibt es ja nicht nur Vera. F. Birkenbihls famosen Erfolgskurs, sondern auch die immer wieder gern gelesene Empfehlung vom Kung Fu Panda.
Joachim de Posaga, Trainer und Coach, setzt noch einen drauf. Sehen Sie selbst…
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Hallo Martin,
der Film ist einerseits zum Schmunzeln, andererseits habe ich danach doch sehr gemischte Gefühle.
Zum einen, weil die amerikanisch-kapitalistische Definition von Erfolg einfach unkritisch übernommen wird. Eine versteckte Botschaft ist, dass nur “diese” Art von Erfolg, die hier beschrieben wird, Erfolg ist, gut in der Schule, Karriere, viel Geld etc. Für mich ist das nix anderes als “Konditionierung” und später brauchen die Leute dann “Quest Seminare” um heraus-zufinden, was sie wirklich wollen.
In einem anderen Artikel schreibst Du über “den negativen Effekt von Selbsthilfekursen auf das Selbstvertrauen”. Genauso sehe ich hier einen negativen Effekt auf das Gefühl bei Menschen, erfolgreich zu sein oder nicht. Sprich, wenn ich das, was hier als Erfolg dargestellt wird, nicht erreiche, bin ich “nicht erfolgreich” und somit “weniger wert” oder “Mensch zweiter Klasse”. Ich habe gerade in einer amerikanischen teleconference genau ein Beispiel dafür gehört. Eine Frau, die nichts lieber tun würde, als ihre Kinder großzuziehen und misshandelten und Waisenkindern zu helfen, hat sich ins Immobiliengeschäft gequält (und ist bitter gescheitert), weil sie genau dem Irrtum unterlag, dass sie nur “erfolgreich” wäre und “helfen” könnte, wenn sie viel Geld hätte. Es kam ihr überhaupt nicht die Idee, dass sie in dem Bereich auch direkt tätig sein könnte, weil es in diesem Bereich (Sozialarbeit) nur wenig Geld gibt und damit wäre sie also einfach nicht erfolgreich = Versager.
Zweitens stört mich, dass behauptet wird, nur solche Kinder könnten diese spezielle Art von Erfolg haben, die lernen, auf den Genuß von etwas zu verzichten, um später mehr von diesem Genuß in der Zukunft zu erhalten. Ich sehe darin eine subtile Art und Weise, Menschen auf bestimmte Formen von Erfolg und Verhalten zu konditionieren und zwar vor allem auf einen mind set “mehr in der Zukunft ist besser als eine angenehme Gegenwart”.
Wenn ich das Ganze jetzt einfach mal umdrehe, dann zeigt dieser Video vor allem, wie Kapitalismus funktioniert: die Konditionierung auf “Drogen” und Belohnung. Wenn man davon ausgeht, dass marshmallows schädlich sind (purer Zucker), dann haben wir die gesamte Weltsituation “in der Nußschale”, behaviourismus pur, oder nicht? Um es provokant zu formulieren: wenn ich auf eine Droge jetzt verzichte, um später mehr davon zu bekommen, dann bin ich in diesem System erfolgreich (aber nichts desto trotz drogenabhängig, oder?). Die Frage, ob ich die Droge überhaupt essen sollte, wird gar nicht diskutiert!
Und wehe, wenn die Belohnung ausbleibt. Du erwähntest gestern in der Konferenz zu Quest, dass Du Dich viel mit der Frage Holocaust und Gott beschäftigt hast. Genau sowas passiert nämlich, wenn die Leute feststellen, dass sie verarscht wurden bzw. ihre Belohnung nie erhalten werden. Die Kehrseite dieses Experimentes ist, dass es später auch immer das zweite Marshmallow geben muss, wehe wenn nicht. Ein anderes Extrem sind Selbstmordattentäter, deren Belohnung die Vorstellung ist, in den “Himmel” zu kommen dafür. Solange keiner zurückkommt und erzählt, dass es den Himmel nicht gibt, funktioniert die Sache. Die Konditionierung ist genau diegleiche, nur eben nicht auf “gesellschaftlich akzeptierte, greifbare Ziele” (die mittlerweile den ganzen Planeten ruinieren).
Ausserdem führt dies genau zu dem, was die Leute jetzt mühsam wieder rückgängig zu machen versuchen: der Vorherrschaft des Verstandes, denn wie Du so schön sagst: ohne Ziel kein Problem, und Ziele gibt es vor allem im Verstand.
Ferner, um das als Beweis gelten zu lassen, müsste man die Gegenprobe machen, ob es absolut keine erfolgreichen Menschen gibt, die ohne Verzicht erfolgreich geworden sind. Und den Beweis gibt es nicht, eher im Gegenteil. Es gibt ‘ne Menge Beispiele, wo Leute einfach immer das gemacht haben, was ihnen Freude gemacht hat. Aber, hier ging es nicht um “künstlichen Genuß”, viele haben auch die Schule einfach hingeschmissen. Der Unterschied ist dabei, dass sie garnicht in das System von “Belohnung für Verzicht” und “mehr ungesunde Drogen in der Zukunft ist besser als wenig ungesunde Droge heute” eingespannt waren. Sie haben das gemacht, was ihnen Freude machte und sind damit immer besser geworden und zufrieden sowieso. Sie haben genau das gemacht, was Du jetzt propagierst im Quest Seminar. Dass die Leute so ein Seminar brauchen, liegt daran, dass sie als Kinder genau so konditioniert wurden, wie es dieser Video zeigt.
Man kann also sagen, innerhalb dieser Weltsicht stimmt es, wer nicht auf den Genuß von Drogen heute verzichtet, um später mehr Drogen (Geld, Status, Häuser, Autos etc.) zu haben, der kommt nicht weit in diesem System. Wer aber Glück hat und keine marshmallows mag, der kann machen was er will. Für mich zeigt das Video bloß, wie einfach es ist, Kinder in so ein System einzuspannen.
Wie siehst Du das, liege ich damit total daneben?
Hallo Joseann,
für mich gibt es hier drei Aspekte. Einerseits die Frage, was Erfolg ist und wie man ihn definiert. Andererseits, wie man ihn erreicht. Und es geht um den Unterschied zwischen “Spaß” und Freude”.
Für mich ist Erfolg, dass man das, was man persönlich erreichen möchte, tatsächlich auch umgesetzt bekommt. Ob das ein bestimmter Kontostand oder die Rettung des Regenwaldes ist, spielt in dieser Definition für mich eine Nebenrolle. Das muss jeder für sich selbst entscheiden. Und ob einen das erfüllt, ist auch persönliche Ansichts- und Wahrnehmungssache.
Eine andere Sache ist es, wie man den Erfolg erreicht. Und das Interessante an dem Video oben ist für mich, dass Menschen, die einen langfristigen Blick für die Dinge haben und ihr Handeln danach ausrichten, anscheinend mehr von dem erreichen, was sie sich vornehmen. (Ob das stimmt, vermag ich nicht zu beurteilen. Aber subjektiv gefühlt habe ich den Eindruck, dass da was Wahres dran ist). Ich sehe den Marschmallow eigentlich als Sinnbild für ein ganz anderes Problem heutzutage: Die Sucht nach “Instant Gratification”. Nach der schnellen Befriedigung: Ist mir egal, was morgen ist, Hauptsache ich habe jetzt einen schnellen Spaß.
Das kann auch mal in einem Katzenjammer enden: Der schnelle Seitensprung birgt zwar ein kurzes Vergnügen. Aber der Rattenschwanz an Verwicklungen für die eigene Partnerschaft, der Verlust des Vertrauens, die Entfremdung, vielleicht sogar der Verlust der Beziehung steht dann auf einem ganz anderen Blatt.
Oder denk an die Banker, die für schnelle Gewinne beinahe den globalen Finanzmarkt an die Wand gefahren haben. Da ging es schnelle Lust, um schnellen Spaß, um die schnelle Gier. Auch die haben ihre Existenzberechtigung, aber wenn es um den langfristigen Erfolg geht, erscheinen sie mir nicht als Mittel der Wahl.
Das bringt mich zum dritten Punkt: Dem Unterschied zwischen “Spaß” und “Freude”. “Spaß” ist für mich ein Etikett für die schnelle, körperliche Lustbefriedigung. Damit meine ich nicht nur Sex, sondern auch die Leckerei zwischendurch, oder Comedy mit Gags, die einen “nur” zum Lachen, aber nicht zum Nachdenken bringen sollen. Oder der Impulskauf, bei dem wir einem Kaufrausch nachgeben. All diese lustvollen Erlebnisse finde ich schön, mag ich, will ich in meinem Leben nicht missen – aber ihre Wirkung ist schnell und kurz. Ein heftiges Strohfeuer und dann versiegt die Lust. Als Impuls schön. Als einziger Lebenssinn zuwenig.
Als “Freude” bezeichne ich alles, was mich “zu-frieden” macht. Wo ich im innerlichen Einklang mit mir komme. “Freude” entsteht, wenn ich Musik mache. Oder schreibe. Oder einen Film sehe, der mir berührt. Freude erlebe ich, wenn ich jemanden etwas einfach so gebe und er kann es wirklich gut gebrauchen. Diese Lust hat zwar auch einen Höhepunkt, aber der Nachklang hält wesentlich länger an.
Wenn jemand das Studium schmeißt, weil er “keinen Bock mehr hat”, kann es sein, dass er nur dem schnellen Spaß folgt: Im Park abhängen und kiffen zum Beispiel. Wenn jemand das Studium abbricht, weil er das Falsche gewählt hat und sich danach auf etwas konzentriert, das seinem Wesen entspricht, dann folgt er seiner Freude.
Wenn man seiner Freude folgt, kann es aber wiederum notwendig sein, kurzfristige Unannehmlichkeiten in Kauf zu nehmen. Ein Musiker übt, obwohl er keinen Spaß daran hat. Er nimmt die Unlust in Kauf, weil er weiß, dass es ihm später guttut.
Insofern finde ich, dass das Video schon was Wahres hat. Aber wie immer ist auch das “wahre” unterm Strich: Definitionssache.