Digital überfordert

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Digital überfordert

Frank Schirrmacher (FAZ) ist überfordert: ”Ich bin unkonzentriert, vergesslich, und mein Hirn gibt jeder Ablenkung nach.”

Grund: Die digitale Überflutung durch Google und Co.

“Was mich angeht”, schreibt Schirrmacher bei Spiegel Online, “so muss ich bekennen, dass ich den geistigen Anforderungen unserer Zeit nicht mehr gewachsen bin. Ich dirigiere meinen Datenverkehr wie ein Fluglotse den Luftverkehr: immer bemüht, einen Zusammenstoß zu vermeiden, und immer in Sorge, das Entscheidende übersehen zu haben.”

Mehr noch: “Ich lebe ständig mit dem Gefühl, eine Information zu versäumen oder zu vergessen.”

Und damit steht Schirrmacher nicht alleine da.

Als Trainer für Produktivität (schamlose Eigenwerbung: www.e-ffectivity.biz) beobachte ich seit Ende der Neunziger, wie sehr das Phänomen der Informationsüberflutung um sich greift und wertvolle Ressourcen wegfrisst: Ruhe. Ausgeglichenheit. Wohlbefinden.

Nicht, dass eine große Datenansammlungen unmittelbar zu Stress führt. Schon Produktivitätsguru David Allen hat schon vollkommen richtig bemerkt, dass wir beim Betreten einer Bibliothek auch nicht tot umfallen – egal, wie viel Bücher da auf uns warten mögen.

Und doch: Es geht ja nicht nur um die Anwesenheit von Informationen. Sondern um deren Relevanz.

Verpass ich nicht etwas, wenn ich meine Mails nicht lese? Haben wir wirklich die beste Hausratversicherung abgeschlossen oder sollten wir das nicht noch mal googlen? Wie haben die Leute auf meinen letzten Twitter-Beitrag reagiert? Wer hat bei Facebook neue Fotos hochgestellt?

Kurz: Es geht darum, dabei zu sein.

Auf der Höhe Zeit der leben.

Und Teil einer Gemeinschaft zu bleiben.

Es geht nicht nur um Fakten. Sondern um Zugehörigkeit.

Wer nicht mitmacht, muss draußen bleiben.

Die Folge?

“Ständig begegnet man Menschen”, meint Schirrmacher, “die in jeder Situation per Handy texten, E-Mails abrufen, gleich mit ihrem ganzen Laptop anrücken, und immer häufiger höre ich bei Telefonaten dieses insektenhafte Klicken, weil mein Gesprächspartner tippt, während er telefoniert.”

Das bleibt jedoch nicht ohne Folgen. Denn je mehr wir versuchen, mit unserem Hirn bewusst zu verarbeiten, desto mehr überfordern wir es.

Ja: Unser Gehirn mag Tausende, gar Millionen Daten gleichzeitig verabeiten können.

Aber nicht bewusst.

Unser Verstand, jene dünne Schicht Neokortex unterhalb unserer Schädeldecke, kann nur wenig gleichzeitig verarbeiten. Maximal vier Gedanken. Danach geht es rapide bergab mit der Aufmerksamkeit – und der Intelligenz. Wer zuviel gleichzeitig zu erledigen versucht, landet mitunter bei dem IQ eines Achtjährigen, wie wissenschaftliche Tests des kalifornischen Wissenschaftlers Harold Pashler gezeigt haben.

Letztendlich ist jedoch die Flut nicht aufzuhalten. Weder wird die Menge der Informationen zurückgehen, noch die Anzahl der Anbieter, die um Ihre und meine Aufmerksamkeit buhlen.

Und die Lösung wird auch nicht darin zu finden sein können, dass man noch schneller liest, noch mehr Informationshappen gleichzeitig vertilgt oder gar noch mehr Freizeit dem digitalen Wust opfert.

Die Lösung, so meine ich, ist im Gegenteil zu finden. In der Beschränkung.

Der kürzlich verstorbene Reinhard Mohn, der ein kleines Gütersloher Verlagshaus zum weltweiten Medienkonzern Bertelsmann führte, las nur zwei Zeitungen. Ein Lokalblatt. Und die Süddeutsche Zeitung. Erstaunlich für einen Menschen, in dessen Konzern über 100.000 Menschen arbeiten.

Und doch vermutlich auch ein bisschen – weise.


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