Was ich von Stefan Raab gelernt habe…
Man mag über ihn denken, was man will. Ihn lieben oder ablehnen oder einfach nur irritiert sein: Stefan Raab ist auf jeden Fall erfolgreich.
Und wie.
Er bestreitet seit vielen Jahren vier Tage die Woche bei Pro Sieben das späte Abendprogramm. Gut möglich, dass seine Zuschauerzahlen zurückgegangen sein mögen – er hat sich jedoch inmitten der vielen Eintagsfliegen beträchtlich lange gehalten.
Seine Shows wie die “Wok-Weltmeisterschaft” oder “Schlag den Raab” erzielen dagegen nicht nur beste Zuschauerquoten – sie sind darüber hinaus auch im Ausland hochbegehrt: Das Showkonzept für “Schlag den Raab” wurde bereits 16 mal an internationale Sender lizenziert. Das ist allerhand, wenn man bedenkt, wie häufig Showkonzepte nach Deutschland importiert werden.
Sein jüngster Coup: Die Übernahme der heiligen Kuh “Grand Prix des Eurovision” – und die erste große Kooperation zwischen einem öffentlich-rechtlichen und einem privaten Sender. Zwei Marktmitbewerber, die sich sonst eher wenig löbliches zu sagen haben.
Das Ergebnis der Kooperation: Die hochtalentierte Sängerin Lena, deren Hits in massiven Stückzahlen über deutsche Ladentheken gereicht beziehungsweise durch digitale Leitungen herunter geladen werden.
Und das ist noch lange nicht alles, was Stefan Raab auf die Beine gestellt hat.
Aber genug, um mal etwas genauer hinzuschauen.
Dabei sind mir drei Dinge an Raab aufgefallen, die möglicherweise zu seinem phänomenalen Erfolg beitragen…
Aufstehen
Es war Zufall, dass meine Frau Maren letzten Samstag den Fernseher genau zu dem Zeitpunkt einschaltete, als Stefan Raab beim Fahrrad-Parcours kopfüber über den Lenker ging und sich “auf die Fresse” legte, wie Raab zwei Tage später in seiner Show den Vorfall beschrieb.
Gebannt sahen wir zu, wie Raab aufstand, den Parcour ein zweites Mal nahm und erneut an der gleichen Stelle stürzte.
Die Folge: Abschürfungen, Gedächtnisverlust und ein Jochbein- und Kieferhöhlenwandbruch.
Hat das Raab abgehalten, ein drittes Mal aufs Rad zu steigen?
Nein.
Man mag für oder gegen Raab sein – aber das war für mich ein beeindruckendes Beispiel für die Fähigkeit, immer wieder aufstehen zu können.
Dahinter steht natürlich der Wille zum Erfolg, Das klare Zielbild: Ich will gewinnen. Vielleicht auch eine ordentliche Portion Egotrip.
Aber dennoch ist die Kompetenz, “auf die Fresse zu fallen” und dann wieder aufzustehen, entscheidend für Erf0lgsfaktor 2:
Risiko: Versuch und Irrtum
So beeindruckend Raabs Erfolge sind, so drastisch fällt jedoch auch die Liste seiner Misserfolge aus.
Unzählige Male wurde Raab vors Gericht gezerrt, oft genug auch zu gehörigen Geldstrafen verdonnert. So verurteilte ihn das Oberlandesgericht Hamm wegen schwerwiegender Verletzung der Persönlichkeitsrechte zu 70.000 Euro Schadensersatz.
Auch nicht jede Showidee zündete: “Im Jahr 2007″, so ist bei Wikipedia zu lesen, “präsentierte Raab den Kandidaten von Deutschland sucht den Superstar (DSDS), Max Buskohl, dem RTL verboten hatte, bei Raab aufzutreten, mit dem Spruch „Seit 196 Tagen Gefangener von R. T. L.“[13] Damit spielte er auf die Schleyer-Entführung durch die Rote Armee Fraktion (RAF) im Jahr 1977 an… Daraufhin warf die Bildzeitung Raab vor, die Opfer der RAF zu verhöhnen.“
Man mag Raab das verübeln, aber eines steht fest: Er besitzt den Mut für Versuch und Irrtum. Raab geht immer wieder Risiken ein.
Und genau das ist für viele, die mir im Coaching begegnen, der “Showstopper”: Die Vorstellung des Scheiterns, hält viele, vermutlich sogar die meisten Menschen davon ab, ihre Ideen zu verfolgen: Was werden die anderen sagen? Wie stehe ich denn da, wenn ich es vor die Wand fahre?
Ich bin da keine Ausnahme. In meinem Buch Quest schildere ich, dass ich meine Trainerkarriere drei Jahre vor mir hergeschoben habe, weil ich mir insgeheim immer wieder vorgestellt hatte, dass mich die Teilnehmer auslachen oder einfach nur langweilig finden. Das schlimmste daran war: Ich habe das noch nicht einmal bemerkt. Mir gingen die Gedanken durch den Kopf, fühlte mich dementsprechend mau – und dachte mir: “Vermutlich bin ich noch nicht so weit.”
Als ich dann die hinderlichen Gedanken bewusst auf den Schirm bekam, war der Bann gebrochen. Zwar habe ich auch heute noch Lampenfieber, aber das hält mich nicht mehr davon ab, vor die Leute zu treten.
Raab geht jedoch – im Gegensatz zu mir – deutlich höhere Risiken ein. Denn auch die Show zum Eurovision-Contest war ein großes Vabanque-Spiel: Es hätte an vielen Stellen scheitern oder schlimmer noch als ein mittelmäßiger, langweiliger, halbgarer Trip mit miesen Quoten in die Annalen der Fernsehgeschichte eingehen können. Etwas, das ihm die Presse jahrelang auf das sprichwörtliche Brot geschmiert hätte.
Eingegangen ist er das Risiko trotzdem. Wohlwissend, dass die Verantwortung auf seinen Schulten lasten würde – unabhängig davon, wie viele Hunderte von Menschen hinter den Kulissen an der Staffel mitgewirkt haben.
Diese Fähigkeit teilt er übrigens mit James Cameron, dem Regisseur von “Avatar”, der sinngemäß sagte: “Angst ist keine Option. Scheitern aber durchaus.” Auch Cameron ist mit seinem heute erfolgreichsten Film aller Zeiten eine Menge Risiken eingegangen. Und er wusste, dass es durchaus möglich war, dass der Film auf großartige Weise hätte floppen können. Das war in der Tat eine reale Option. Abhalten ließ er sich davon nicht.
Was ist die Folge einer solchen Einstellung? Eine ganze Reihe von ungewöhnlichen Projekten. Einige davon gehen in die Hose, liefern aber ebenso ungewöhnlich nahrhaftes Praxiswissen ab, das dann zu den herausragenden Erfolgen vom Schlage eines Stefan Raab führen.
Und noch etwas habe ich bei ihm entdeckt:
Der unsichtbare Erfolgsfaktor
Ich finde es äußerst interessant, wie Raab die Zielsetzung für den Eurovision Contest definierte: ”Wenn Sie sagen: Wir müssen in Oslo möglichst weit vorne landen, dann ist das hier vielleicht die falsche Herangehensweise. Man darf nicht davon ausgehen, dass Deutschland den ersten Platz belegen kann.”
“Wie bitte?”, entgegnete Spiegel Online, ”und wozu dann der ganze Aufwand, wenn wir nicht mal gewinnen wollen?”
Antwort: Weil es laut Raab “so viel mehr Spaß” macht.
Das erinnert mich an eine wichtige Kernphilosophie von coach-your-self.tv: Der Unterscheidung zwischen Zielen und Erfolg.
Ein Ziel ist etwas, das man selbst erreichen kann. Ein Erfolg dagegen ist etwas, das er-folgt, wenn man sein Ziel umgesetzt hat. Was auf den ersten Blick etwas haarspalterisch anmuten mag, macht jedoch beim zweiten Hinsehen einen großen Unterschied aus.
Beispiel: Wie oft höre ich als Trainer und Coach von meinen Teilnehmern Ziele wie ”Ich möchte XXXX Euro Einkommen im Monat”. Oder “Ich lebe in einer tollen Partnerschaft.”
Diese Wünsche sind vollkommen legitim – als Ziele jedoch sind sie bestenfalls untauglich, meistens aber einfach nur schädlich.
Nehmen wir mal den Wunsch nach mehr Einkommen. Ganz egal, ob man angestellt oder selbstständig ist: Mehr Einkommen ist nur erreichbar, wenn andere mitspielen. Der Chef, die Kunden, Geschäftspartner.
Wenn jedoch die Zielerreichung von anderen abhängig ist, landen wir automatisch in einer schwachen Position. Wenn die anderen “Ja” sagen, ist alles gut. Wenn sie jedoch mit “Nein” reagieren, sind wir mit unserem Ziel (vorerst) gescheitert. Die Kontrolle liegt dabei immer in der Hand der anderen. Und das Leben mündet munter in eine turbulente Achterbahnfahrt. Eben wähnten wir uns noch an der Spitze, schon werden wir in den Abgrund gestürzt.
Das jedoch ist noch bei weitem die angenehmste Nebenwirkung, wenn man Ziel und Erfolg verwechselt.
Weitaus gravierender wirkt, dass wir unsere Spontanität und Leichtigkeit verlieren.
Haben Sie schon mal folgendes erlebt: Sie waren auf der Suche nach einem Partner oder einer Partnerin, und so sehr Sie sich auch bemühten, so richtig wollte nichts gelingen? Schließlich haben sie dann das Ganze irgendwann entnervt aufgegeben, und kurze Zeit später trafen Sie dann ihn oder sie?
Was ist da passiert?
Wenn wir unser Glück, unseren Spaß und unser Wohlbefinden von einem anderen Menschen abhängig machen, werden wir “needy”, wie die Amis es so schön formulieren: zu anhänglich, zu sehr darauf aus, bei dem anderen zu punkten. Das spürt unser Gegenüber instinktiv und findet uns gleich halb so attraktiv wie zuvor. Die üblichen Zutaten für einen gelungenen Flirt wie zum Beispiel kleinere Neckereien gewinnen plötzlich einen dunklen Unterton, das Ping-Pong von Verführung und “Rührmichnichtan” driftet ins Schwergewichtige ab – und ehe man es sich versieht, ist die Begegnung auch schon zu Ende.
Das gilt nicht nur für die Kunst des Becircens. Jeder Verkäufer kann ein Liedlein davon singen, wie verschlossen Kunden sein können, wenn man einen Auftrag unbedingt braucht. Und wie einem kurioserweise die Aufträge zugeflogen kommen, wenn es gerade richtig gut läuft.
Stefan Raab hat recht: Wenn man sich vom Zwang befreit, immer der erste sein zu müssen, macht es “so viel mehr Spaß”.
Welchen Platz “wir” in Oslo belegen, liegt nicht in deutschen und schon gar nicht in Raabs Händen.
Jedoch nach interessanten Talenten Ausschau zu halten, ist ein Ziel, das Raab und die ARD sehr wohl selbst bewerkstelligen können. Ebenfalls liegt im Raabschen Beritt, eine Show nach allen Regeln der Kunst zu inszenieren.
Ob der Funke für die Talente zündet, ob die Zuschauer mitfiebern oder nicht, ist dagegen wiederum etwas, das nicht in Raabs Einflussbereich liegt. Das kann passieren, ist ja auch passiert, aber erzwingen kann man einen solchen Erfolg nicht.
Sobald man sich jedoch vom falschen Erfolgsdruck befreit, geht es weitaus entspannter zu.
Mehr noch: Vom obligatorischen Marketing-Zielgruppengedöns erlöst, kann man die Talente einfach so präsentieren, wie sie sind.
Niemand von Raabs Kandidaten oder Kandidatinnen musste sich in irgendeiner Form verbiegen. Erlaubt war, was echt ist.
Und siehe da: Eine Lena taucht im Scheinwerferlicht auf, die die Herzen der Deutschen im Sturm erobert. Anders jedenfalls ist die in der deutschen Chartsgeschichte einmalige, gleichzeitige Belegung der Hitparadenplätze 1, 3 und 4 kaum zu erklären.
Was folgt aus all dem?
Bevor Sie nun diesen Artikel zu Ende lesen und dann ad acta legen, schlage ich vor, die Gunst der Stunde zu nutzen und etwas Handfestes in die Wege zu leiten.
Was können Sie und ich aus den Raabschen Erfolgstechniken an Machbarem heraus saugen?
Ich will mich da nicht lumpen lassen und fange einfach mal an:
- Nachdem ich mich in den letzten 16 Monaten immer wieder rumgeziert habe, mein eigenes Filmprojekt voranzutreiben, gebe ich hiermit kund: Dieses Jahr, nach den Sommerferien, um genau zu sein, kommt mein erstes größeres Filmprojekt “Pronoia”.
- Es ist möglich, dass ich wie Raab kopfüber auf die – na Sie wissen schon – lande. Egal. Ich werde wieder aufstehen.
- Ich setze mir “nicht” das Ziel, die Gunst möglichst vieler Zuschauer zu gewinnen.
- Aber ich werde zusehen, dass ich wenigstens eine Menge Spaß dabei habe.
Und Sie?
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Hallo, der Blog ist genial. Er hat mich sehr motiviert erneut über mein Handlen und Denkmuster nachzudenken und bewußt zu beobachten. Mehr als das! Ich nehme meine innere Stimme wieder wahr, die da schon lange ist: “Mensch, komm endlich in die Puschen!- Mehr als Hinfallen kannst du nicht.” Das Aufstehen ist der entscheidende Punkt! Kleine Kinder stehen immer wieder auf, wenn sie das Laufen lernen. Sie unternehmen alles nachdem Versuch-und-Irrtum-Prinzip. Sie Lernen aus jedem Versuch.
Ein Bekanner, ein ehemaliger Alkoholiker, sagte mir einmal: Das nächste Mal, wenn Du hinfällst, dann steht du nicht wieder direkt auf und rennst los. Bleibe eine Weile ruhig sitzen und werde Dir ganz genau bewußt wo du hinwillist. Dann stehe in aller Ruhe auf und gehe dort hin.!
Hallo Herr Weiss,
“aller guten Dinge sind 3″ bei mir aktuell leider mal wieder im Sicherheitsdenkenden Bereich – Finanzanlagen im Risikobereich können einfach crashen, wenns denn zum 3. Mal passiert, sollte es hoffentlich das letzte Mal sein!
Darum habe ich gerade mit viel Vergnügen Ihren Raab Strategie-Artikel gelesen und er hat mich SEHR angesprochen
1. weil Sie ihn einfach supergut formuliert haben,
2. weil die “auf die Frese fliegen und wieder aufstehen Mantalität gerade wenns richtig weh tut” in der Tat das Einzige ist, was wirklich bleibt und umso doppelter zählt!
… und genau das mach ich jetzt halt auch wieder, bestärkt und ermutigt durch Ihre Worte.
Vielen Dank!
herzliche Grüße
Ulla
ups – da fehtlt ein “s” und ein e statt dem a
)
Hallo Martin,
hinzufallen ist nicht schlimm, liegenbleiben aber eine Blamage. (Vorausgesetzt man ist körperlich nicht zu sehr versehrt.)
Jeder von uns kennt das sicher auch selbst.
Am Anfang mussten wir das Laufen lernen, und wie oft sind wir hingefallen? – und auch wieder aufgestanden.
Aber kaum einer erinnert sich noch daran.
Man sollte sich auch öfters des eigenen Lebens entsinnen und wird erstaunt feststellen, jeder ist in der Lage wieder aufzustehen!
LG
Peter