Ode an einen E-Mail Schreiber
Vorgestern erreichte mich folgende Mail eines coach-your-self.tv Clubmitglieds, die einen interessanten Gedanken auf den Punkt bringt:
“vielen Dank nochmals …eine gute Erfahrung und es hat mich weiter gebracht. Gleichzeitig sehe ich bei mir leicht die Gefahr “in den alten Trott” zurückzuverfallen. Deshalb werde ich die einzelnen Stationen noch einmal pro Tag durchgehen. Das gesetzte Ziel habe ich teilweise erreicht. Ein unmittelbar großartiges Erfolgserlebnis ist ausgeblien. Warum, weiß ich nicht genau. Vielleicht habe ich zusätzlich Dinge um die Ohren, die mir zu wenig Impulsivität für das Wahrnehmen und Erreichen des Er-folgs gelassen.”
Ehrlich gesagt, finde ich es großartig, was Sie, lieber E-Mail Schreibender, erreicht haben.
Moment, werden Sie vermutlich einwenden: Ich habe doch gar nichts Tolles zu vermelden.
Doch.
Haben Sie.
Allerdings muss ich zunächst einmal meine Branche, die Selbsthilfeindustrie, schelten….
… weil wir es den zweifelhaften Wonnen des Marketings zu verdanken haben, dass der Mythos von der einen Selbstcoachingtechnik durch die Welt geistert, die uns per Blitzschlag von einem großartigen Erfolgserlebnis zum nächsten taumeln lässt. (Ok, erst müssen wir noch das Buch kaufen, an dem Seminar teilnehmen – aber dann kommt es, das große Glück. Garantiert.)
Das ist zwar ein holdes Märchen. Und so verlockend die Aussicht sein mag, dass irgendwann, irgendwer eine magische Pille erfindet, die uns unvermittelt und abrupt in den Glückshimmel beamt – alle Pillen, Mittelchen und Drogen, die das versprachen, führen interessanterweise nicht auf- sondern abwärts.
Mehr noch: Wir lieben Probleme.
Ja, richtig gelesen.
Es hat schon seinen Grund, warum Filme, Seifenopern und Romane boomen, in denen Helden oder Heldinnen nach spätestens einer Viertelstunde bis zum Hals in heftigen Schwierigkeiten stecken.
Und je heftiger die Herausforderung, desto spannender wird das Ganze für uns.
Denn wir wollen bangen.
Wir wollen in den Abgrund blicken und (!) erleben, wie unsere Helden und Heldinnen mit Problemen den Hals aus der Schlinge ziehen, weil –
– weil unser Gehirn Glückshormone ausschüttet, wenn wir nach einer langen Tortur ein Happyend erleben dürfen.
Das nennt man in Hollywood “Payoff”. Je höher die Intensität des Glücksgefühls am Ende des Films, desto mehr hat sich das Unangenehme der Herausforderungen am Anfang gelohnt.
Im Leben und im Film gilt allerdings: Kein Held, keine Heldin kommt von Jetzt auf Gleich auf die Lösung.
Es gibt immer eine Entwicklung.
Meine beiden Söhne Rocco und Milton sind nicht eines Tages einfach aufgestanden und konnten gehen. Sie haben sich am Tisch hochgezogen, sind auf die Klappe gefallen, haben nicht aufgegeben, sondern sich erneut hochgezogen – um wieder hinzufallen.
Aber eines Tages standen sie.
Und ich vermute kein Spielzeug der Welt kann den Kick ersetzen, den die beiden Burschen ereilte, als sie die ersten Schritte gegangen sind.
Entwicklung braucht Zeit. Entwicklung ist evolutionär – immer geht sie Schritt für Schritt. In kleinen, machbaren Portionen.
Aber am Ende dieses Prozesses wartet ein kleiner oder großer Quantensprung. Man gewinnt etwas, eine Einsicht, eine Fähigkeit, mit dem es sich fortan ganz anders leben lässt.
So ging es Rocco und Milton, als sie ihre ersten Schritte gegangen sind. So ging es mir, als ich mein erstes Training gegeben habe. Und so ist es Ihnen viele Male in Ihrem eigenen Leben ergangen: Ob Sie Autofahren gelernt, eine wichtige Prüfung abgelegt oder einen für Sie wichtigen beruflichen Erfolg errungen haben. Sie erlebten einen Durchbruch, der Ihr Leben veränderte – und auf den Sie um so stolzer waren, je mehr Sie dafür tun mussten.
Und darum, lieber E-Mail Schreiber, haben Sie alles richtig gemacht!
Ja, Ihr Weg ist noch nicht zu Ende.
Und ich habe keine Ahnung, wie lang oder kurz die Strecke ist, die vor Ihnen.
Ich habe keine Ahnung, wie lang oder kurz sie ist.
Aber ich weiß, dass am Ende nicht nur ein Hauptgewinn winkt, der Sie für eine gewisse Zeit begeistern wird (“die große Liebe”, “finanzielle Freiheit”, “beruflicher Erfolg” oder was auch immer Sie anstreben), sondern etwas, das all die Karotten, die wir uns vor die Nase hängen, überdauert: Rocco und Milton haben sich nicht nur freudestrahlend am Tischbein festgehalten – sondern sie gehen seitdem vollkommen anders durchs Leben.
Wortwörtlich.












