Warum es wirklich weiter aufwärts geht
Im Juli wagte ich zwei Prognosen: Es “bebt” in Deutschland.
Und: Wir befinden uns im Aufwärtstrend.
Meine damaligen – wissenschaftlich wenig fundierten – Grundlagen für die Hypothese: Lena, die mit Ihrer Unkonventionalität sämtliche Chartsrekorde brach. Und die deutsche Fußballmannschaft, deren Spiellaune weltweit Begeisterung hervorrief.
Zugegeben: Das als Indikator für einen Aufschwung zu verwenden, war gewagt.
Jedoch: In den letzten Wochen boomte es in der Wirtschaft. Die Zeitschriften beklagen nun nicht mehr Arbeitslosenzahlen, sondern einen Fachkräftemangel. Und heute war gar auf Spiegel Online zu lesen: Verbraucher in prächtiger Kauflaune: “Die deutsche Wirtschaft war demnach im zweiten Quartal um 2,2 Prozent im Vergleich zum Vorquartal gewachsen, so schnell wie seit der Wiedervereinigung nicht.”
Heißt das: Alles wird jetzt gut?
Ja. Und Nein.
Zunächst das “Nein”.
Wir haben nach wie vor eine Menge Probleme in Deutschland zu lösen. Ein paar Stichworte: Die Bundesregierung wälzt ein Rekorddefizit vor sich her, in den Kommunen und Städten gähnen nach wie vor gigantische Haushaltslöcher, und auch in der Bildung läuft das Meiste eher noch defizitär. So hat in Gütersloh eine Schule einen Weiterbildungsetat von 1000 Euro. Für ein Jahr. Für alle Lehrer.
Und das ist nur die Speerspitze. Es gibt noch reichlich andere Probleme zu meistern (man denke nur an überschuldete Privathaushalte, die Umweltkatastrophen und so weiter).
Aber da gibt es ja noch mein: Ja! Wir können es packen.
Woher dieses “Ja!” kommt?
Weil sich etwas ganz Fundamentales gedreht hat.
Unsere Prioritäten.
Belegt wird dies durch eine hoch interessante Studie der Bertelsmann Stiftung. Ihr Thema: Wirtschaft.
Und ihr Ergebnis: 9 von 10 Menschen wünschen sich eine neue Wirtschaftsordnung (siehe Spiegel und Bertelsmann Stiftung)
“Wirtschaftliches Wachstum ist zwar für 93 Prozent wichtig, um die Lebensqualität zu erhalten, allerdings nicht um jeden Preis. Einen Wohlstand, der durch Schädigung der Umwelt oder hohe Staatsverschuldung erkauft wird, lehnen mehr als 80 Prozent ab”, heißt es auf der Website der Bertelsmann Stiftung.
“88 Prozent der Deutschen wünschen sich eine “neue Wirtschaftsordnung”. Der Kapitalismus sorge weder für einen “sozialen Ausgleich in der Gesellschaft” noch für den “Schutz der Umwelt” oder einen “sorgfältigen Umgang mit den Ressourcen”, fasst der Spiegel die Ergebnisse zusammen.
“Droht nun die Revolution?”, fragt sich der Spiegel, und meint: “Wohl kaum. Denn die Bürger sind eher nachdenklich als wütend: Sie sehen die Verantwortung nicht nur bei Politikern und Wirtschaftsführern, sondern auch bei sich persönlich. Laut “Zeit” sind vier von fünf Deutschen der Ansicht, dass “jeder seine Lebensweise dahingehend überdenken sollte, ob wirtschaftliches Wachstum für ihn alles ist.”
Ich finde, genau das ist sehr wohl eine Revolution. Eine stille zwar. Aber eine bedeutende.
Unterfüttert wird sie von folgenden Zahlen, die mich sehr optimistisch stimmen:
“Die eigentlichen Quellen persönlicher Lebensqualität, so zeigt die Umfrage, sind überwiegend immaterieller Natur.
- Gesundheit (80 Prozent)
- eine intakte Familie und Partnerschaft (72 Prozent)
- sein Leben selbst zu bestimmen (66 Prozent)
- und das friedliche Zusammenleben mit Menschen sowie soziales Engagement (58 Prozent)
werden mit Abstand für wichtiger gehalten, als “Geld und Besitz zu mehren” (12 Prozent).”
Ich habe zwar keine Zahlen vorliegen, wie das Wertegefüge vor 10 Jahren aussah.
Aber ich erinnere mich noch, dass das “schnelle Geld” der Dotcom-Blase immer mehr Menschen närrisch machte (erinnern Sie sich noch an den Aktienboom, Stichwort “T-Aktie”?).
Wir lebten in einer Spaßgesellschaft, durch die ein Herr Westerwelle mit seinem Guidomobil kreuzte, und unser Lebensmotto lautete damals simpel aber bestimmt: “Ich will alles. Und das sofort.”
Jetzt, zwei Wirtschaftskrisen später hat sich etwas in unserer Denke gedreht.
Und zwar zum Besseren.
Wir sind nicht pessimistischer geworden.
Sondern bodenständiger. Liebevoller. Selbstbestimmter.
Als Coach weiß ich aus meiner täglichen Arbeit: Wenn Menschen ihre Werte verändern, hat das fundamentale Auswirkungen.
Denn Werte steuern einen großen Teil unseres Denkens, Fühlens und Handelns. Ein Mensch, dem finanzieller Gewinn am wichtigsten ist, denkt und handelt anders als jemand, dem Gesundheit wichtiger ist. Der eine beutet sich bis zur Grenze der Belastbarkeit aus. Der andere achtet auf eine wohltuende Balance im Leben.
Und eine weitere Erfahrung als Coach: Die Auswirkungen von neuen Werten zeigen sich zwar von der ersten Minute an. Aber die wirklich gravierenden Veränderungen erscheinen erst einige Monate später: Leute, die nicht mehr zu einem passen, gehen oder werden gegangen und dafür tauchen neue Menschen auf, die sich zu einem hingezogen fühlen. Das gleiche gilt für Kollegen, Vorgesetzte und Kunden. Und nach einem Dreivierteljahr schaut man verblüfft zurück und wundert sich, was sich alles – scheinbar von allein – geändert hat.
Aber es war nicht scheinbar von allein. Sondern es war der kontinuierliche Fluss von vielen kleinen Entscheidungen, die nun anders ausfallen, und das tägliche Tun und Lassen, das dieser neuen Haltung entsprang.
Darum meine ich: Lena und der Fußball und nun der Aufschwung sind nur die ersten Ausläufer dieser tiefgreifenden Veränderung.
Was jetzt kommt, kann richtig spannend werden.
Und ich freu mich drauf.
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