Tag 26 und 27: Des Pudels Kern (Teil 1/3)
Dies ist, glaube ich, mein wichtigster Beitrag zum Thema: Wie kann man mehr Balance zwischen Beruf und Privatleben erreichen?
(Tagebuch zu “Mach das Beste aus 2010“)
(Aktuelle Bewertung aus meinem 28 Tage Transformer Relax)
Als ich mich vor rund vier Wochen in aller Öffentlichkeit hier im Blog auf die Reise begeben habe, mehr Gleichgewicht zwischen Beruflichem und Persönlichem zu schaffen, habe ich nicht geahnt, wohin mich dieser Trip bringen wird.
Heute, da ich mich kurz vor der Halbzeit befinde, sehe ich auf ziemlich bewegte “28 Tage” zurück, in denen ich zweimal krank geworden.
Zweimal
Warum?
Ich habe es in den letzten Tagen herausgefunden, und ich werde meine Einsichten hier ungeschminkt teilen – denn ich glaube, sie können für all diejenigen wichtig sein, die sich wie ich durchs Leben hetzen…
Ich schließe mit diesem Artikel übrigens einen Prozess ab, der vor fast zehn Jahren begonnen hatte.
Und zwar in Sri Lanka.
Meine Frau und ich hatten damals einen zweiwöchigen Urlaub gebucht, und ich war zu dem Zeitpunkt wirklich “durchgegart”. Ich hatte gerade mein erstes Jahr Selbsttändigkeit als Trainer hinter mir, und ich hatte mich komplett verrödelt: Zig Projekte an den Start gebracht, in vielen Töpfen gerührt, auch das eine oder andere erfolgreich realisiert – aber dennoch unruhig, verspannt und erschöpft.
Und nun war ich mit meiner Frau in Sri Lanka, und wie alle Reiselustigen wollten wir natürlich das Land erkunden. Und so buchte Maren einen Trip zur Tempelstadt Kandy. Eine Reise, die ich nie vergessen werde. Zum einen, weil ich niemals dort ankam. Und zum zweiten, weil mich damals einer jener “merkwürdigen” Zufälle ereilte, die mein ganzes Leben ändern sollte.
Es geschah auf dem Hinweg. Wir fuhren in einem kleinen, ungefederten Reisebus, der so ziemliches jedes Schlagloch, ja sogar jede Delle auf der Fahrbahn, ungeschminkt an uns weiterreichte. Und je länger wir fuhren, desto übler wurde mir.
Schließlich hielten wir an einem “Resthouse”, einer Mischung aus Hotel und Restaurant, wo wir eine Pause einlegten. Mir ging es mittlerweile so schlecht, dass ich mich kaum noch auf den Beinen halten konnte. Also ging ich, ohne Maren zu fragen, zum Busfahrer und erkundigte mich, ob der Bus am Abend hier wieder vorbeikommen würde. Dann schleppte ich mich zur Theke des Resthouses und buchte ein Zimmer.
Maren und die anderen waren – gelinde gesagt – baff, als ich Ihnen mitteilte, dass meine Reise hier enden würde. Aber ich glaube, ich muss schon ziemlich angeschlagen ausgesehen haben, denn keiner erhob Einwände.
Und so ging ich zur Theke zurück, orderte meinen Zimmerschlüssel, und während ich darauf wartete, fiel mein Blick auf einen Stapel amerikanischer Magazine, die ich mir kurzer Hand griff und mit nach oben in mein Zimmer nahm.
Dort angekommen, legte ich mich ins Bett und fiel in einen unruhigen Schlaf.
Schließlich erwachte ich gegen späten Vormittag; verwirrt, denn ich wusste erst nicht, wo ich war.
Ein weiß getünchtes Zimmer. Karg. Der Fensterblick raus auf einen Garten, in dem Kinder mit fremder Sprache spielten.
Dann blitzartig: Der Reisebus. Die Schlaglöcher. Ich an der Theke, auf den Schlüssel wartend. Die Magazine.
Ich drehte mich um und entdeckte den Stapel Zeitschriften neben mir.
Ganz zuoberst eine Ausgabe von “Business Week”.
Titelthema: Stress.
Nichtsahnend blätterte ich hinein, und als ich schließlich zum Leitartikel gelangte, holte eine unsichtbare Hand aus und schlug mir mit Schmackes ins Gesicht.
Da war es: Mein Leben. Die Hetze. Die Unruhe. Und all die Stresssymptome, die einhergingen.
Der Artikel beschrieb wortreich, wie sehr Stress in den letzten Jahren zugenommen hatte. Zitierte Studien der Nachrichtenagentur “Reuters”, in denen die so genannte “Informationanxiety”, die Angst vor der Infoflut, sich immer mehr auszubreiten begann. Und schilderte, wie Mail, Internet und das mobile Leben uns vor neue, ungekannte Herausforderungen stellte, auf die wir als Menschen, als Gesellschaft keine gescheiten Antworten hatten. Außer: Noch mehr zu arbeiten. Noch mehr Infos aufzusaugen. Noch härter seine Ziele zu verfolgen. Und noch weniger zu leben als bisher.
In all dem erkannte ich mich wieder. Und nicht nur mich. Sondern auch meine Zeitgenossen. Die Programmier. Die Designer. Die Kontakter. Die Texter. Aber auch meine Trainerkollegen. Und natürlich: Meine Freunde und Bekannte.
Und in dem Augenblick legte ich eine Art Schwur ab. Ich würde herausfinden, wie man diesen Stress lösen kann. Wie man da raus kommt aus der Falle,
Und zwar nicht, in dem man seine Ziele und Wünsche sausen lässt und aussteigt. Sondern in dem man das erreicht, was man sich vorgenommen hat – und trotzdem dabei relaxt bleibt.
Das war mein Schwur. Und zugleich der Anfang einer zehnjährigen Reise, die mit dem heutigen Artikel hier bei coach-your-self.tv endet.
Als ich anderthalb Wochen später nach Deutschland zurückkam (wie Sie sehen, kam der Busfahrer tatsächlich am Ende des Tages wieder am Resthouse vorbei), erwarteten mich einige Rückschläge. Ich hatte vor meiner Abreise zwei Anfragen von sehr großen, namhaften Internetunternehmen erhalten, die sich beide binnen weniger Tage zerschlugen.
Ich fuhr schließlich für einige Tage nach Holland, setzte mich in ein Café am Meer, und begann nachzudenken: Wie sollte ich nun weiter vorgehen?
Das Ergebnis war, dass ich mich für zwei Trainingsthemen entschied, die ich unbedingt umsetzen wollte. Das erste war zum Thema “Zeitmanagement” und “Produktivität”. Ein ganz praktischer Ansatz, um dem Thema “Stress” gerecht zu werden.
Das zweite war zum Thema “Berufung”. Ich dachte mir: Es reicht nicht, nur perfekt organisiert zu sein. Du musst auch beruflich etwas machen, dass Dir die Erfüllung bringt. Was Deinen Lebenszielen, Deiner Berufung entspricht.
Und so entstanden von 2001 bis 2002 nacheinander die Trainings e:ffectivity und Quest.
Beides für mich persönlich wichtige Entwicklungsschritte. Die Arbeit an e:ffectivity mit seinen zahlreichen Recherchen (an denen übrigens mehrere Leute mitgearbeitet haben, zum Beispiel Alexander Malik, der heute meine ehemalige Internetagentur networker leitet), weckte in mir eine neue Form der Produktivität: Ich bekam endlich meine Ideen umgesetzt. Ich begann, Projekte zu realisieren, die ich mir zuvor niemals zugetraut hätte. Aber zu einem Preis, von dem ich in den letzten Wochen ausführlich berichtet habe. Mehr Stress. Mehr Hetze. Weniger Leben.
Quest dagegen führte mich nach Innen. Zeigte mir in der Zusammenarbeit mit den Teilnehmer und Teilnehmerinnen, die mir im Laufe der Jahre begegneten, dass wir alle in der Tat eine Art intuitiver Intelligenz besitzen, die uns den Weg weisen kann. Die Bescheid weiß. Die uns liebt, die für uns da ist, und die uns hilft, unseren Weg zu gehen.
Und so kraftvoll Beides für mich wahr – es blieb dennoch ein Restposten. Eine große Unbekannte in der Gleichung des Lebens.
Denn die Hetze und die Unruhe blieb.
Warum?
Was hatte ich übersehen?
–
Es bedurfte wohl der letzten vier Wochen, um auf des Pudels Kern zu stoßen. Eines Trips, der mich an eine Grenze führte, der mich für einige– gottseidank kurze Tage – röchelnd ins Bett schickte, um zu verstehen, was die ganze Zeit dagewesen war – und das ich geflissentlich übersehen hatte.
Mangelgedanken.
“Ich muss kämpfen. Ich muss mich anstrengen. Ich muss besser, klüger, schlauer und intelligenter sein als die anderen. Denn wer nicht beständig vorne ist, der fällt zurück. Wird mitgerissen vom Strom des Lebens. Und geht darin womöglich unter. Also streng Dich an. Die anderen sind Dir schon auf den Fersen. Denn das Leben ist ein ewiger Kampf, den nur wenige gewinnen können. Aber jeder Gewinn, jeder Erfolg währt nur für kurze Zeit. Die Mühlen des Lebens mahlen unaufhaltsam. Und wer sich auf seinen Lorbeeren ausruht, der unerbittlich dahin rauscht und alles unter sich begräbt, was nicht obenauf schwimmt.”
Man kann zu diesen Gedanken sagen, was man will. Aber eines kann ich Ihnen hier unterschreiben: Sie funktionieren. Sie treiben an. Sie sind als “Motivatoren” hoch effektiv. Sie peitschen Dich morgens aus dem Bett. Und ziehen Dir abends, wenn Du hundemüde bist, noch ein paar Quentchen mehr Energie aus dem Körper, um noch die paar Mails mehr zu schreiben oder an dem neuen Konzept zu arbeiten, das Dich – hoffentlich – weiter vorne bleiben lässt.
Nur: Was ist dieses vorne?
Wer definiert es?
Wer misst es?
Wer kann mir endlich das begehrte Zwischenzeugnis ausstellen, das besagt: Hey Martin, Du bist nah an der Spitze?
Ehm.
Die anderen um mich herum? All, die mich loben? Die mir sagen, wie toll das alles ist, was ich auf die Beine stelle?
Vielleicht.
Aber die Meinung anderer Leute ist ein unstetes Wesen. Eben wähntest Du Dich noch obenauf, schon kommt eine – vielleicht durchaus wohlgemeinte – Kritik, die Dich vom Olymp Deiner eigenen Maßstäbe stößt, und voila: Eine neue Runde ist angesagt, in der man sich die Spitze, die es eigentlich nicht gibt, zurückerobert.
Und während Du Dich hetzt, auf dem Weg nach da oben, hast Du keine Zeit darüber nachzudenken, ob dieses Streben an sich überhaupt einen Sinn macht.
Sicher: Je mehr man sich anstrengt, desto mehr stellt man auf die Beine. Nicht alles, was daraus entsteht, ist schlecht. (Dass Sie diese Zeilen hier im Blog lesen, ist eben auch diesem Streben zu verdanken.)
Und klar: Die Sorge, dass man den Biss verliert, wenn man sich der alten Weltsicht entledigt, pocht nicht umsonst an die Pforte.
Ich liebe es, aufregende Projekte umzusetzen. Ich liebe meine Arbeit. Ich mach das alles hier wirklich gerne.
Aber solange dem ein Mangelgedanke zugrunde liegt (Ich muss gut genug sein, um mit den reißerischen Ansprüchen des Lebens mithalten zu können), solange wird alles von Sorge, Angst und Zweifel angetrieben.
Und was immer aus diesen Motiven entsteht, ist geprägt von Unruhe und Hetze.
Das also kann es nicht sein.
Aber was stattdessen?
Aber zuvor: Was meinen Sie?
Hegen Sie auch Mangelgedanken?
Und ahnen Sie schon, wie sich das auf Ihr Leben auswirkt?
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Lieber Martin,
yes, yes, yes!
Ich glaube Mangelgedanken sind die tiefliegendste Grundlage für Lebensumstände, die sich nicht gut anfühlen! Ob Stress und Hetze, kein Geld oder kein Partner…es läuft auf diesem kleinsten gemeinsamsten Nenner zusammen.
Ich selbst bin erst vor ein paar Tagen aus dem Himmel gefallen als mir auf Grund einer Übung klar wurde (Willkommen in der Fülle, Robert Betz, Empfehlung “irgendwo” auf deinen Seiten/Videos;o) was ich eigentlich von mir selbst halte. Es hat mich so abgrundtief traurig gemacht und ich war auch wirklich erschüttert.
Ich bin zutiefst davon überzeugt und es fühlt sich einfach so an, dass diese Gedanken perfekt verhindert haben mein eigentliches Potenzial zu leben.
Der Augenblick dieser Erkenntnis war wie eine Offenbarung. Ruhe, tiefe Freude und Dankbarkeit für das was ist, macht sich breit. Und das was die Sache auch für mich, die gerne tut und macht, spannend sein lässt…es ist ein Prozess und man darf täglich daran arbeiten;o), mal mehr mal weniger!
Herzlichen Glückwunsch und liebe Grüße
Karin
Lieber Martin,
ich habe mir eben Deinen ersten Beitrag durchgelesen und ich möchte mich bei Dir bedanken, dass Du so ehrlich schreibst, wie es in Dir aussieht. Ich finde es mutig.
Ich kenne auch dieses tiefe Mangelgefühl, das mir wenig Ruhe gönnt: Immer weiter, immer besser werden und noch eine Ausbildung und noch ein schlaues Buch und es hört nicht auf. Ja, es treibt mich auch an und ich bewirke dadurch auch viel Gutes und zum andern bin ich selten mit mir zufrieden.
Ich habe heute in der Zeitschrift mehrere interessante Artikel zum Thema “Hingabe” gelesen und das hat mich sehr angesprochen. Das Thema Hingabe ist für mich eine Spur, die ich weiter verfolgen werde und mein großer Wunsch ist, das Mangelgefühl aufzulösen. Denn mit dem Mangeldenken wird mein Leben so verdammt anstrengend. Mein Wunsch für 2011 ist: Innere Zufriedenheit. Ich stelle mir innere Zufriedenheit sehr schön vor.
Es tut mir so gut zu lesen, dass Du diese Mangelgedanken auch kennst. Und mir wird klar, wie wichtig es ist, dass auch wir Trainer uns offen und ehrlich zeigen.
Jetzt lese ich Deine Beiträge weiter.
Lieben Gruß
Brigitte
Hi Brigitte, hi Karin,
was mich persönlich berührt: Wie viel Leute Anteil nehmen. Sich angesprochen. Mir schreiben, dass es Ihnen genau so geht wie mir.
Ehrlich gesagt hätte ich hier auch lieber eine “Tschakka – Ich bin gut drauf”-Story veröffentlicht.
Aber die Wahrheit ist, wie sie ist.
Und das heißt in meinem Fall: Ich bin durch Tiefen und Höhen gegangen.
Um so besser für mich, dass meine Story offensichtlich kein Einzelfall ist.
Martin
Hallo Martin,
ja ein weiteres Mal: Danke für deine Offenheit und deine Ehrlichkeit.Diese deine dir eigene Art, dich zu zeigen, machen dich auch erfolgreich. Auch ich kenne dieses Streben nach immer mehr. Beim Lesen deines Artikels tauchten in mir so die Fragen auf: Ist es immer noch das große Bedürfnis nach Anerkennung und Wertschätzung, das nicht erfüllt ist und uns treibt? Das uns ins Mangel-un-bewusstsein treibt? Die Antwort dafür werde ich in mir finden und mit den fantastischen Tools, die uns in der heutigen Zeit zur Verfügung stehen, ist eine Aufwärtsspirale vorgegeben.
Ein großes Gefühl der Dankbarkeit erfüllt mich!
Alles Liebe
Charlotte