Tag 28: Des Pudels Kern (Teil 2/3)

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(Tagebuch zu “Mach das Beste aus 2010“)

(Aktuelle Bewertung aus meinem 28 Tage Transformer Relax)

Wie ich in Teil 1 schrieb: Vor einigen Tagen wurde mir bewusst, dass hinter meiner Hetze ein Mangelgedanke steckte. Das Leben ist ein Wettrennen, das nur der gewinnen kann, der vorne ist.

Die Folge: Unruhe. Sorgen. Selbstzweifel. Das ganze Programm halt.

So weit, so schlecht.

Aber was nun?

Wie weiter damit umgehen?

Ehrlich gesagt, stand ich nach der Erkenntnis vor einem Patt.

Einerseits war mir klar, dass dieser Mangelgedanke zu allerlei Verwerfungen geführt hatte – andererseits fiel es mir gar nicht so leicht, ihn einfach so über Bord zu werfen.

Warum?

Weil sich ein großer Teil meiner Vita genau an diesem Gedanken entlang gehangelt und deswegen viel Wahres gewonnen hatte.

Mein Leben war in bestimmten Bereichen ein Kampf.

Nicht in allen. Denn im Grunde bin ich eigentlich ein Optimist.

Aber nichtsdestotrotz gibt es eben auch diese andere Seite in mir. Diesen anderen Gedanken, der – auch wenn ich es lange Zeit nicht bewusst auf dem Schirm hatte – an einigen entscheidenden Stellen in mein Leben hinein regiert hatte. Namentlich vor allem bei der Vielzahl von Projekten, die ich mir immer wieder aufgebürdet hatte.

Demenstprechend fühlte ich mich in den letzten Tagen einigermaßen konfus. Mir war klar, dass das alte Weltbild so nicht mehr funktionieren konnte (und auch nicht mehr funktionieren durfte, wenn ich wirklich eine Veränderung erreichen wollte). Aber es fiel mir schwer, in eine neue Richtung zu denken. Mehr noch: Mir war überhaupt nicht klar, was ich stattdessen als neue Sicht der Dinge annehmen sollte. Wenn das Leben kein Wettrennen ist, kein Kampf, den es zu gewinnen gilt – was dann?

Also habe ich das getan, was ich immer in solchen Situationen mache: Die Augen offen gehalten und darauf geachtet, was mir unterwegs begegnet. Oft teilt sich meine Intution dadurch mit, dass mir bestimmte Dinge “da draußen” plötzlich ganz besonders ins Auge fallen. Eine Überschrift in einer Zeitschrift, die mich anspringt. Ein Nebensatz in einem Smalltalk auf der Straße, der mich berührt. Ein Fernsehschnipsel, der mir zufällig begegnet, und in mir eine neue Saite zum Schwingen bringt.

Und in der Tat gab es diese “Saitenschwinger”.

Zum Beispiel war da dieser Artikel über die Begegnung von Steve Jobs und Edwin Land (siehe hier), der mich einfach nicht losließ.

Und als ich die Originalquelle in dem 37Signals Blog noch einmal las, fiel mir folgender Satz auf, den Land gesagt und dem Jobs zugestimmt hatte: “The world is like a fertile field that’s waiting to be harvested. The seeds have been planted, and what I do is go out and help plant more seeds and harvest them.”

Zu Deutsch: “Die Welt ist wie ein fruchtbarer Acker, der darauf wartet, geerntet zu werden. Die Samen sind bereits gesät, und ich geh raus, säe noch ein paar Samen und ernte dann die Früchte.”

Interessant.

So sieht ein Mensch die Welt, der hochgradig kreativ ist. Ganz anders als mein “Das Leben ist ein Kampf, den man gewinnen muss.”

Aber so sehr mich das auch ansprach, so laut meldeten sich innere Einwände zu Wort: Auch Apple ist ein harter Mitbewerber, der seinen Konkurrenten nichts schenkt. Mehr noch: Apple ist – wie viele andere auch – ein ziemlich paranoides Unternehmen. Man denke nur an die Geheimhaltung, die unzähligen Gerichtsprozesse, die Härte, mit denen sie gegen unliebsame Blogger vorgegangen sind, und das nicht immer transparente Genehmigungsverfahren für iPad/pod/phone-Anwendungen, das manchmal leider auch in Richtung Zensur weist.

Mhm.

Eine weitere Bemerkung, die mir eher zufällig über den Weg lief, stammte von Richard Branson, einem der erfolgreichsten und interessantesten Unternehmer unserer Zeit: “Es gibt Niemanden, dem man folgen sollte und nichts, das man kopieren sollte…. Das Leben ist immer frisch und neu…” (Nachzulesen in Dumb little Man)

Einerseits kickte mich dieses “Das Leben ist immer frisch und neu” an. Ich liebe es, wegzufahren und mich auf neue Eindrücke einzulassen. Deswegen finde ich Orte wie beispielsweise London großartig, weil sie mich mit ihren vielen, frischen, weil noch nicht gesehenen Eindrücken inspirieren.

Andererseits sprach natürlich die Aussage “es gibt nichts zu kopieren” an. Das ist das genaue Gegenteil von der Frage: “Was werden die anderen dazu sagen?”

Plötzlich begriff ich, dass mich dieser Gedanke, “das Leben ist ein Kampf, Du musst Dich behaupten, Du stehst im Wettbewerb mit anderen, musst Dich stetig vergleichen”, in ein Gefängnis hinein geknechtet hatte. Und zwar eines, in dem nichts Neues zu blühen vermochte. Solange ich zu anderen herüber schielte, mich nach ihnen bewertete und mich damit auch nach ihnen richtete, solange konnte in diesen Segmenten nichts Innovatives entstehen.

Mhm.

Aber das war noch nicht alles.

Etwas störte mich in diesem Reigen von das “Leben ist ein Feld, das man beernten kann” und “Das Leben ist neu und frisch und belohnt diejenigen, die innovativ sind.”

Es war mir zu sehr “Friede-Freude-Eierkuchen”.

Denn die letzten vier Wochen, in denen ich durch meinen eigenen “28 Tage Prozess” gegangen bin, waren heftig gewesen. Zum einen, weil ich mich so enorm machtlos gefühlt hatte. Ich war ja bereit, mein Leben zu ändern – aber die Faktenlage sah anders aus: Zig Aufgaben, zig Projekte und Trainings, die bearbeitet werden wollten und auch mussten. Dabei wurde ich zweimal krank und geriet energetisch in eine Randzone.

Aber nicht nur das: Durch die Arbeit an dem Selbstcoaching-Tool “Dem Leben vergeben” musste ich mich einigen sehr persönlichen, schmerzhaften Erfahrungen stellen (nachzuhören in diesem Blogbeitrag).

Im Club hatten wir darüber hinaus ein Mitglied, das sich einer sehr schmerzhaften Krebsbehandlung unterzog und das mich ebenfalls daran erinnerte, wie hart und brutal das Leben zuweilen ist.

Man kann sich so etwas schön reden. Sagen, dass Krankheit ein Weg ist, der uns helfen kann. Dass wir etwas Gutes daraus gewinnen können.

Aber unterm Strich ist da dennoch der Schmerz. Diese Augenblicke der Hoffnungslosigkeit. Die Einsamkeit. Das ausweglose Gefühl, in etwas festzustecken, das man sich so nicht wirklich gewünscht hat und (!) aus dem man zugleich keinen begehbaren Ausweg sieht.

Kurz und gar nicht mal so gut: Ich weigerte mich innerlich, die alte das “Leben ist Kampf”-Regel durch eine “Hurrah,  das Leben ist kreativ”-Formel abzulösen.

Und so begann ich, diesen Artikel vor mir herzuschieben.

Ich wusste einfach nicht, was schreiben.

Klar, ich hätte mir was aus den Fingern saugen können, aber das wollte ich nicht.

Aber heute morgen erwachte ich mit einer Einsicht, die mir zeigte, dass mein ganzes Für und Wider vollkommen am Wesentlichen vorbeischoss.

Es war ein Satz aus Neale Donald Walschs “Gespräche mit Gott”, der sich nach dem Aufwachen in meine Gedanken schob: “Das Universum ist lediglich eine große Kopiermaschine. Es vervielfältigt Deine Gedanken.”

Was, wenn das auch und gerade in meinem Fall stimmte?

Was, wenn sich dieser Gedanke “Das Leben ist ein Kampf, das Du gewinnen musst” tatsächlich in mein Leben hinein vervielfältigt hatte? War das dann nicht auch ein kreativer Akt?

All die Augenblicke, in denen ich misstrauisch, skeptisch, kompetitiv und unruhig wurde. All die Situationen, in denen ich mich und andere taxierte, verglich und einstufte. Wie stehe ich da? Wie werde ich wahrgenommen? Bin ich besser als die anderen? Oder muss ich aufpassen, nicht zu verlieren?

War das nicht auch eine Form von Kreativität?

Vielleicht eine negative, in letzter Form sogar zerstörerische Form von Kreativität. Aber eben doch ein schöpferischer Akt.

Es geht also nicht um ein Für (“Das Leben ist ein Kampf”) oder ein Wider (“Das Leben ist Wolke Sieben, und Du kannst alles erreichen, was Du willst”).

Sondern um den gemeinsamen Nenner: Das Leben ist ein Acker, in denen wir unsere Gedanken, Gefühle, Entscheidungen und Handlungen säen – und der uns die Früchte beschert, die wir selbst gedüngt, bewässert, gehegt und gepflegt haben.

Und wenn ich halt Mangel denke, dann werde ich dessen Früchte zu essen bekommen. In Form von Problemen, Widrigkeiten, Schwierigkeiten da draußen – und Sorgen, Ängsten und Zweifeln in mir drinnen.

Das ist im Grunde: nichts Neues.

Ich weiß.

Das kann man in jedem Selbsthilfe-Buch nachlesen.

Peinlicher noch: Ich bin sicher, dass ich in einer Vielzahl von eigenen Blogbeiträgen darüber schwadroniert habe.

Da kann man nur sagen, dass die Bibel doch recht hat: “Den Splitter, der im Auge deines Bruders ist, den siehst du; aber den Balken, der in deinem Auge ist, den siehst du nicht. Wenn du den Balken aus deinem Auge gezogen hast, dann wirst du klar genug sehen, um den Splitter aus dem Auge deines Bruders zu ziehen.”

Tja.

Fortsetzung folgt!


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