Finale: Des Pudels Kern (3/3)
(Tagebuch zu “Mach das Beste aus 2010“)
Vorgestern erhielt ich eine Mail von jemanden, der Teil 2 der “Des Pudels Kern”-Serie gelesen hatte.
Zur Erinnerung: Teil 1 handelte davon, dass hinter all dem Stress, den ich erlebe, ein Mangelgedanke steckt – das Leben ist ein Kampf.
In Teil 2 schilderte ich mein eigenes Ringen um das, was das Leben nun wirklich ist. Kriegsschauplatz? Oder ein fruchtbarer Acker, dem man nur bestellen muss, um zu ernten – wie Steve Jobs zum Beispiel die Welt sieht?
So weit: schön und gut. Und doch wusste ich, dass das noch nicht das Ende der Fahnenstange war.
Etwas fehlte noch.
Und wie es der Zufall wollte, bekam ich dann just vorgestern besagte Mail, die mir den Stein des Anstoßes gab, um diese Artikel-Serie und zugleich auch meine erste Staffel zum “Mach das Beste aus 2010″ zu beenden.
Eine Mail, die durchaus kritisch war…
So ließ mich der Verfasser folgendes wissen:
Ich habe Dich in verschiedenen Situationen erlebt -als Coach, als Coachee, als Unternehmer. Und – bitte verzeih mir die klare Sprache – habe beobachtet, daß Du zwischen den einzelnen Graves-Leveln oszillierst. Im Business habe ich Dein Verhalten als sehr orange empfunde. Du kommst aber auch ganz klar in “Türkis” durch das Telefon und kannst in direktem Kontakt zu Deiner inneren Stimme sein.
1. Wer wählst Du zu sein? Unternehmer oder spiritueller Kaufmann, wie Genpo Roshi es in Deinem wunderbaren Interview erläutert hat?
2. Was ist die höchste Vision, die Du von Dir hast?
Für diejenigen, die Clare Graves (siehe Wikipedia) nicht kennen: Graves ist ein amerikanischer Psychologe, der eine Theorie namens “Spiral Dynamics” in die Welt gebracht hat, nach der die Gesellschaft, und damit auch wir Einzelnen, durch verschiedene Stufen geht. Und zwar immer von einer eher Ich-getriebenen zu einer Wir-getriebenen Sicht zurück zu einer Ich- und erneut zu einer Wir-Perspektive. Immer aufwärts in einer Spirale.
Orange steht dabei für die Ich-getriebene Sicht eines Geschäftsmannes, der vor allem auf seinen Vorteil achtet. Stichpunkte dazu (siehe auch: www.dosisnet.de/graves.pdf): “Unternehmerisches Denken, Planen und Konkurrenz – Materialismus. Ich will meinen Gewinn maximieren! Alleine bin ich stärker! Herausforderung, Gewinn, Besitz. Leistungsorientierte Hierarchie. Wettbewerb mit Belohnung. Effektivität, Zielstrebigkeit, forsches Vorangehen.”
Und ich finde, das bringt es ziemlich gut auf den Punkt.
Nicht zuletzt das “Alleine bin ich stärker” passt für mich. Unglücklicherweise übrigens, denn eigentlich will ich gerne mit anderen zusammenarbeiten.
Tatsächlich ist ja genau das die Wurzel meines Problems: Ich habe mir – nach einigen nicht besonders erbaulichen Erfahrungen – angewöhnt, meine Ziele selbst in die Hand zu nehmen. Ergebnis einerseits: Ich habe solo ein Vielfaches mehr auf die Beine gestellt, als in vielen Partnerschaften. Allerdings gilt andererseits auch: Viel Arbeit, viele einsame Entscheidungen und eine gewisse Eigenbrötlerei.
Mehr noch: Nach dem letzten Scheitern einer beruflichen Kooperation war ich für rund zwei Jahre ein so gebranntes Kind, das ich bei den Worten “Netzwerken” oder “Synergie” schon mal das Tafelsilber in Sicherheit gebracht habe.
Aber immerhin: Ich arbeite tatsächlich schon seit einiger Zeit wieder an frischen Kooperationen. Die Lernkurve, vor allem was das Emotionale (und das Tafelsilber) angeht, ist zwar steil. Aber nicht unüberwindbar.
Dann haben wir noch das Türkis. Das ist interessanterweise jemand, der in gemeinschaftlichen Bahnen denkt. “Türkis mischt und harmonisiert ein starkes Kollektiv von Individuen. Türkis arbeitet in globalen Netzwerken und pflegt die Vereinigung von Gefühl und Verstand; viele Ebenen des Erlebens werden zu einem bewussten System verwoben und fördert einen globalen Gemeinschaftssinn, ohne die Rechte des Individuums zu vernachlässigen.” (www.dosisnet.de/graves.pdf)
Und: Bingo!
Das ist genau das, was mich ankickt.
Das ist es, wonach ich die ganze Zeit gestrebt habe.
Das war der Grund, weswegen ich mich schon 1994 ins Internet verliebt habe.
Die Möglichkeit, weltweit mit Menschen zusammenzuarbeiten. Was ich übrigens zum Teil schon tue. Die Webkonferenzlösung, in der ich meine Webbies durchführe, wurde von Menschen in der Ukraine, Italien, USA, Indien und Deutschland gebaut.
Aber es geht mir nicht nur um technische Lösungen. Denn meine ”Vision” ist eigentlich immer gewesen, Technologie zu verwenden, um die besten und wirksamsten Persönlichkeitstechniken in die Welt zu bringen.
Ja, ich weiß, da steht ein “eigentlich” in dem letzten Satz.
Und das war vermutlich in den letzten Jahren mein Dilemma.
Ich habe es durchaus gewollt.
Aber nicht immer so gekonnt, wie ich wollte.
Das Denken in Netzwerken war in den Neunzigern, als ich das erste Mal damit begann, eher unbekannt, und meine Anläufe in die Richtung scheiterten dann an einer “ich-orientierten” Denke aller Beteiligten – inklusive mich selbst.
So türkis der Anspruch war, so orange war dann doch noch die Gesinnung.
Und darum hatte sich dann im Laufe der letzten Jahre dieses eigentlich in meine Gedanken eingeschlichen – bis ich vor einigen Wochen hier im Blog bekannt gab, meinem Stress ein Ende setzen zu wollen.
Ahnungslos, dass die tatsächliche Lösung nicht darin zu finden sein würde, meine Projekte entweder auszudünnen oder noch effektiver wegzuwuppen.
Sondern zu meinen Wurzeln zurückzukehren.
Meiner Idee von einem globalen, vernetzten – virtuellen – Unternehmen, das Persönlichkeitsentwicklung und eine neue Denke übers “Wir” praktisch in die Welt bringt.
Ehrlich gesagt habe ich mit allem gerechnet. Nur nicht mit dem.
Darum: Danke an den Mailschreiber.
Und: Puh! Das ist mal eine Herausforderung.
Aber ein besseres Ende für meine erste Staffel kann ich mir nicht wünschen.
Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte.
Ich kann nicht mehr weiter schreiben, weil ich mir die Ärmel hochkrempeln muss.
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Hallo Martin,
hier kommt noch ein Klugscheisser, damit kannst Du aber sicher inzwischen umgehen:
Das Leben ist ein Spiel. Also spiele! Siehe Schiller und das wunderbare Buch von Huizinga.
Spiele, mit aller Leidenschaft, aller Kraft, manchmal bis die Tränen kommen – aber spiele. Alles andere funktioniert nicht!
Wenn es geht, gewinne. Wenn nicht – so what, dann wähle ein anderes Spiel, an dem Du und die Menschen die dir wichtig sind, wachsen und Lebensfreude gewinnen.
Liebe Grüße, Wolfgang