Wie man den Verstand abschalten kann

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In meinem Kurs “Finde Deine innere Stimme” werde ich immer wieder gefragt: “Sag mal, Martin, wie kann ich eigentlich meinen Verstand abschalten? Permanent funkt er mir dazwischen und malätriert mich mit seinen Sorgen, Zweifeln und Bedenken.”

Darauf kann ich immer wieder nur eine Antwort geben. Und die fällt vermutlich vollkommen anders aus, als die meisten vermuten.

Bevor ich jedoch loslege:

Ich verstehe die Antipathie gegen den Verstand.

Ja, der Verstand sorgt für negative Gefühle.

Ja, der Verstand versetzt uns in Sorge, weil er uns mit Zukunftsbildern konfrontiert, in denen alles den Bach heruntergeht. Die Beziehungen werden scheitern, man wird die Arbeit verlieren, Geld, Heim und andere Besitztümer dazu, und es ist nur eine Frage der Zeit, bis man als Obdachloser seine Hände an einer entflammten Mülltonne wärmt.

Ja, der Verstand sorgt für Beziehungsstress, weil er permanent recht haben möchte.

Ja, der Verstand kaut immer wieder alte Erinnerungen durch, vor allem negative, und sorgt so für emotionalen Verdruss.

Ach ja, und sein Kalkül und seine berechnende Art tragen auch nicht unbedingt zu einem positiven Image des Verstandes bei.

Ganz zu schweigen davon, dass er sich oft nicht so recht entscheiden kann und an jedem Entschluss etwas zu mäkeln hat. Mit der Folge, dass man schnell sein Selbst-Vertrauen verlieren kann. Was gefühlsmäßig eben noch passte, wird kopftechnisch analysiert, verglichen, logisch hinterfragt und zu feinkörnigem Granulat zerhackt. Nicht immer natürlich. Aber oft genug.

So gesehen ist es kein Wunder, dass dem Verstand gerne die Arschloch-Karte zugeschoben wird.

Aber nichts desto trotz gilt…

…der Verstand lässt sich leider nicht abstellen.

Ja, man kann ihn ignorieren, aber das macht es nur noch schlimmer.

Wer den ewigen Sorgen, Ängsten und Zweifeln durch Verdrängen entkommen möchte, macht schnell interessante Erfahrungen: Der innere Druck wächst an. Die Ängste, eben noch wortgewaltig im eigenen Kopf unterwegs, zeigen sich nun durch nebulöse, kaum zu packende Emotionen, nächtliches Wachliegen oder andere Symptome, die nicht weniger unlustig sind.

Kurz: Das Verdrängen des Verstandes ist ein Schuss, der nach hinten los geht.

Und damit komme ich zum Ausgangspunkt zurück: Wie kann man den Verstand abschalten?

Meine Antwort lautet: Gar nicht.

Der Verstand ist ein Teil von uns, und er möchte gerne, wie alle anderen Anteile unseres Wesens auch, einfach wahr-, ernst-, vor allem aber angenommen werden.

Statt gegen ihn zu kämpfen, schlage ich deswegen vor, ihn zu beteiligen. Seinen Bedenken zuzuhören. Seinen Sorgen und Zweifeln Raum zu geben.

Man muss dabei nicht alles, was der Verstand zum Besten gibt, als bare Münze nehmen.

Ganz im Gegenteil. Der Verstand ist ein Theoretiker. Er durchdenkt Optionen. Prüft Möglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten, von denen die meisten nie eintreten werden.

Und das ist auch gut so. Wenn ich zum Beispiel Projekte plane, versuche ich soviele Szenarien wie möglich durchzuspielen: Woran kann das Projekt scheitern? Wer oder was kann mir in die Quere kommen? Welche Engpässe können auftreten?

Der Verstand kann auf diese Fragen eine Menge gescheiter Antworten geben.

Einerseits ist das großartig, weil ich so auf Dinge gestoßen werde, die ich beim ersten, großen Ideenwurf noch nicht einmal ansatzweise auf dem Schirm hatte.

Aber: Das kann auch ganz schön beängstigend sein.

Wenn wir alles, was der Verstand zu bedenken gibt, sofort als faktische Realität bewerten (und nicht ersteinmal als Theorie, die zu prüfen ist), dann wird man schnell: Balla Balla.

Ein schöner Fachausdruck übrigens, den ich im Sortiment tiefenpsychologischer Sprachregelungen schmerzlich vermisse.

“Balla Balla” kenne ich aus eigener Erfahrung: Zerfurcht und gemaßregelt von Sorgen.

Aber es gibt eine ganz ausgezeichnete Gegenmedizin, um “Balla Balla” zu heilen: Die Technik “The Work” von Byron Katie.

Es hat schon einen tieferen Sinn, dass in diesem Selbstcoachingprozess die ersten beiden von insgesamt vier Fragen darauf abzielen, das Gedankengebäude des Verstandes zu hinterfragen: Stimmt der Gedanke wirklich? Ist das wirklich wahr? (Mehr dazu hier...)

Und die Erfahrung zeigt: Wenn man die Aussagen des Verstandes auf Herz und Nieren prüft, gibt er schnell zu, dass das Ganze nicht der Weisheit letzter Schluss ist. Sondern eher eine Beta-Version der aktuellen Wissenslage.

Aber nur, wenn wir offen und wohlwollend mit ihm umgehen.

Seine Gedanken als “Geplapper” zu deklassieren, wie ich es in spirituellen Schriften immer wieder entdecke, trägt nicht gerade zu einer friedlichen Koexistenz bei. (Googlen Sie bei Gelegenheit “Verstand und Monkeymind”. Siehe auch leider in englisch bei Wikipedia)

Es ist diese herablassende Art, die den Verstand in Aufruhr versetzt und somit einen innerlichen Zweikampf provoziert, der den inneren Frieden nicht gerade befruchtet.

Aber auch das Gegenteil bringt nicht viel Erbauliches: Wenn man zu sehr im Verstand zuhause ist, wird man von Sorgen durchs Leben getrieben.

Kurz: Eine ordentliche Portion Distanz zu den eigenen Gedanken tut gut.

Das gelingt mir auch heute noch nicht immer.

Aber aus Erfahrung weiß ich: Wenn ich die Gedanken meines Verstandes als das nehme, was sie sind – Theorien, Hypothesen, Entwürfe –  erweisen sie sich als ungemein nützlich. Lieber vorher etwas an emotionaler Aufruhr leiden, als später vom echten Leben angepackt werden, weil ich Schwachstellen übersehen habe.

Übrigens: Einige der Mängel in meinen Vorhaben und Plänen kann der Verstand ausmerzen. Für andere muss ich meine Intuition, meine innere Stimme beauftragen.

Mein Verstand scheitert regelmäßig an “Problemen”, die für mich frisch und neu für uns sind. Für die mir Referenzerfahrungen fehlen.

Zum Beispiel im Coaching.

Da werde ich oft mit Situationen konfrontiert, die ich so noch nicht kannte. Das ist einerseits spannend und aufregend. Aber für den Verstand pures Nervengift. Er weiß einfach nicht, wie damit umgehen.

Klar, es gibt Abläufe, Strukturen und Techniken, auf die ich zugreifen kann.

Aber jeder Mensch ist anders. Jedes Coaching ist individuell. Jeder Prozess einzigartig. Und darum lasse ich mehr vom Innerenn als von Lehrbüchern leiten.

Oder in Projekten. Erst letztens stand ich vor einem Problem, wie ich die Finanzierung einer Maßnahme geregelt bekomme. Mein Verstand schlug Alarm. Meine innere Stimme riet mir, die Ruhe zu bewahren. Und sandte mir passend am nächsten Morgen, direkt beim Aufwachen, eine Idee. Eine Stunde und zwei E-Mails später war das Problem gelöst.

“Ich” war happy.

Und das bringt mich übrigens zum letzten Punkt.

Wer ist denn eigentlich dieses “Ich”?

Und was hat es mit dem Verstand und der Intuition auf sich?

Sind die nicht “ich”?

Doch, doch.

Aber: Verstand und innere Stimme geben “mir” Ideen, Inspirationen und Einsichten.

Die Entscheidung, was ich tue oder lasse, treffe jedoch “ich”.

Das ist ein bisschen so wie beim Kochen.

Mein Job ist es, aus den Zutaten des Lebens ein leckeres Essen zu kochen.

Was die innere Stimme und Verstand an Einsichten beizutragen haben, entspricht den Gewürzen.

Salz, Pfeffer. Zucker. Majoran. Was auch immer.

Manchmal brauche ich die Schärfe des Verstandes, um eine prägnante Note zu setzen. Oder Zucker, um das Ganze abzurunden.

Nicht jedes Würzen bringt’s.

Manchmal schmeckt das Essen immer noch fade. Manchmal ist es versalzen.

Aber nie im Leben würde ich deswegen die Gewürze abschaffen.

Es soll uns ja munden – das Leben.


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  1. Ja, die vielen Gedanken…Sie kommen und sind da und keiner kann genau sagen, woher…. Wie wäre es, wenn wir diese Gedanken mal beobachten, ihnen all die Aufmerksamkeit geben, die sie doch auch haben wollen; mal innehalten und beobachten anstatt auf ihnen davon zu reiten… Wie wäre es, wenn wir dem Gedankenkarusell einfach zustimmen, unabhängig davon, ob wir es gut heißen oder nicht. Einfach den Fakten zustimmen: ja, da sind viele Gedanken; ja, ich weiß nicht,welchen ich zuerst folgen soll; ja, ich fühle mich angespannt. Ja – auch das bin ich
    Charlotte

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