Vera F. Birkenbihl: Kinder drillen?
Die Chancen stehen gut, dass Ihnen in den letzten Wochen der Name Amy Chua über den Weg gelaufen ist. Eine amerikanische Jura-Professorin, deren Buch “Die Mutter des Erfolges: Wie ich meinen Kindern das Siegen beibrachte” heftig debattiert wird. (Lesen Sie dazu auch meine persönliche Stellungnahme.)
Warum Chua debattiert wird?
Weil sie Drill als Erziehungsmethode propagiert.
Allerdings regen sich laut Vera F. Birkenbihl vor allem die Leute auf, die das Buch nicht gelesen haben.
Sie hat es getan, und es ist hörenswert, was die Grand Dame des Lernens dazu zu sagen hat.
Ausgangspunkt war übrigens die Frage einer Mutter, die von Frau Birkenbihl wissen wollte, wie sie ihr Kind besser zum Lernen motivieren kann.
(Download)
Diese Aufzeichnung stammt übrigens aus dem Erfolgskurs von Vera F. Birkenbihl (kostenlose Probelektion hier), in dem Sie nicht nur lernen, wie Sie erfolgreicher werden können – sondern in dem Sie sich auch von ihr persönlich Fragen rund um das Thema “Erfolg” beantworten lassen können.
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Hallo Martin,
dies ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich einen Beitrag schreibe, aber irgendwie hat mich der Rat von Frau Birkenbihl ‘irritiert’. Ich gehoere auch zu den Menschen, die zwar Amy Chua’s andere Buecher gelesen haben, aber nicht das jetzige, drum moechte ich mir darueber kein Urteil erlauben. Ich weiss auch nicht, wie lange Frau Birkenbihl in Asien oder China gelebt hat und in welcher Funktion – ich lebe seit 30 Jahren mit meiner Familie im chinesischen Ausland und fuehle mich gedraengt, ein paar Dinge richtig zu stellen.
Es gibt verschiedene Arten der Intelligenz – vornehmlich die akademische (wichtig fuer schulische Leistung, Universitaet, Forschung, etc) – diese Art der Intelligenz zeichnet sich aus durch ein grosses Verantwortungsgefuehl und Selbstdisziplin, die es dem Kind ermoeglicht, stundenlang und eigenstaendig ueber Buecher zu sitzen und dabei auch Freude zu haben.
Dann gibt es die Intelligenz, die sich durch ‘learning by doing’ manifestiert. Diese Menschen sind faehig, Dinge schnell aufzunehmen, im Kopf neu zu verknuepfen und kreativ anzuwenden. Diese Menschen haben grosse Muehe mit der Selbstdiszilin des stundenlangn Bueffelns etc, denn es geht gegen ihre Natur.
Ein grosses Gebiet in meiner Arbeit ist das Erkennen, welche Art der Intelligenz das betreffende Kind aufweist, die dann zu den korrekten und gesunden Erwartungen fuehren und sowohl Eltern wie Kindern viel Leid und Kummer ersparen.
Frau Birkenbihl mischt die zwei Begriffe ‘Asiaten und Chinesen’. Auch Indonesier, Inder, Vietnamesen etc. sind Asiaten! Dass ein Grossteil der wirtschaftlichen Macht in chinesischer Hand liegt (ebenso in Malaysia, Philippinen, Thailand etc. liegt keineswegs an der chinesischen Erziehung oder Schulbildung. Sondern daran, dass die Chinesen seit eh und jeh ganz einfach die geschickteren Kaufleute und Haendler sind,sehr flexibel etc. deswegen sind sie wirtschaftlich so stark. Ich moechte hier nicht auf Eigenschaften der verschiedenen ethnischen Gruppen eingehen, aber auf den Universitaeten sieht das Verhaeltnis schon gnz anders aus. Zudem spielt der Dynastiengedanke eine grosse Rolle (in ganz Asien), aber besonders im chinesischen Kontext, das bedeutet, dass zur Erhaltung eines Familienunternehmens die ganze Familie herangezogen wird und Kinder in ihre spaetere Rolle ‘hineinwachsen’.
Dies ist nur moeglich durch zwei wichtige Kriteriem – der seit Jahrtausenden eingedrillte Gehorsam und das nur schwach entwickelte Bewusstsein einer Individualitaet. Beides war notwendig fuers Ueberleben – besonders in der chinesischen Kultur, aber auch in den suedost asiatischen Kulturen, nur langsam entwickelt sich ein Gefuehl der Individualitaet, das dann auch Verantwortung erfordert, etwas, das Chinesen sehr ungern uebernehmen, denn man koennte einen Fehler machen – und das geht gegen den kOnfuzianismus. Aus dem gleichen Grund findet man selten Asiaten/Chinesen in der Schule oder im Hoersaal, die eine Frage stellen (ich unterrichte unter Anderem selbst), denn es wuerde bedeuten, dass der Lehrer etwas nicht gut erklaert hat – das fuehrt zu ‘loss of face’.
Vor diesem kulturellen Hintergrund muss man die Erziehungsideen einer Amy Chua sehen. Ich habe das Buch nicht gelesen, bin aber tagtaeglich seit 30 jahren davon umgeben und habe als coach und Familienberater mit den psychischen Auswirkungen zu tun.
Ein weiterer Punkt ist wichtig: Bildung hat in Asien eine ganz andere Bedeutung als in der westlichen Welt: waehrend der Westen die Schule (oft) als notwendiges Uebel betrachtet, ist es in Asien ein Privileg, bedeutet es doch ein Ausweg aus Hunger, Elend und Abhaengigkeit. Aus diesem Grund und dem erwaehnten Gehorsam ist es moeglich, die Kinder zu ‘drillen’. Zudem definieren sich auch heute noch viele (asiatische) Eltern durch die Leistung ihrer Kinder.Manche Kinder koennen damit umgehen, viele nicht.
‘Jedes Kind kann’ – da stimme ich voll zu; aber WAS es kann, das ist unterschiedlich. Nicht jedes Kind kann Mathe lernen, Klavier spielen etc. aber jedes Kind kommt mit individuellen Gaben auf die Welt, die es zu entwickeln gibt. Mit Respekt hat das Drillen nichts zu tun, eher mit Respektlosigkeit, denn die Eltern erwarten etwas, was SIE gerne haetten, ohne auf das kind einzugehen. Das bedeutet, sie ignorieren die Individualitaet, die speziellen Gaben und die innere Stimme, die genau weiss, wofuer sie auf der Welt sind.
Leider ist es ein Irrtum, anzunehmen, dass alle diese Kinder (von Ausnahmen abgesehen) dann spaeter Mathe moegen oder phantastische Klavierspieler werden – auch wenn das die betreffenden Eltern gerne so sehen. Nicht umsonst ist die Selbstmordrate bei Teenagern in Asien erschreckend hoch.
Wuerde der Junge zu mir kommen wuerde ich erstmal herausfinden, wo wirklich seine Faehigkeiten liegen, welche Art von Intelligenz ihn auszeichnet und dann herausfinden, warum er diese negative Einstellung (Blockaden) von sich hat. Neben oben genannten waere es fuer die Eltern sehr wichtig, sich unterstuetzend einzubringen, ihm Moeglichkeiten der Entfaltung anzubieten und an seinem Leben 24/7 teilzunehmen – Lernen soll Freude machen!! Eltern haben nicht das Recht, ihre Kinder IHREN Erwartungen – aus der Vergangenheit – anzupassen und sie dahinzubiegen, wie sie es fuer richtig halten – aber sie haben die Pflicht, ihre Kinder in ihrer Ganzheit zu erkennen und sie auf ihrem individuellen Lebensweg – in die Zukunft – zu staerken; natuerlich ist der erste Weg sehr viel einfacher als der zweite. Es ist wichtig, endlich zu erkennen, was wir fuer unsere Kinder und die Zukunft der Welt brauchen – statt frustrierte, sich selbst verleugnende und kraenkelnde ‘Musterexemplare’ benoetigen wir eigenstaendige, gesunde,verantwortungsbewusste Menschen, jede(r) mit speziellen Faehigkeiten ausgestattet, die in der Vernetzung mit anderen zu einem Leben in Frieden, Freude und Gesundheit fuehren!
Liebe gruesse – von der anderen Seite…Ina
Liebe Ina, manchmal hilft Konzentration auf das Wesentliche. Ich habe auf dieser Seite nur Ihren letzten Absatz gelesen und bin begeistert von Ihrer Meinung zum Verhältnis von Eltern zu ihren Kindern und davon, was die Welt braucht. Ich stimme Ihnen voll zu. UND wir dürfen auch Eltern unsere Unterstützung anbieten, denn meist können sie ihre Kindern nicht als ihrer Ganzheit erkennen und sie auf ihrem individuellen Lebensweg stärken, weil sie auch Eltern hatten, die wiederum …
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Wir sind jetzt in der Lage, diese Verstrickungen zu erkennen und uns selbst als Eltern und auch als Kindern dabei zu helfen diese aufzulösen.
Liebe Grüße von GUnTEr Schmidt
(‘Jedes Kind kann’ – da stimme ich voll zu; aber WAS es kann, das ist unterschiedlich.)
Hier fehlt mir ein wichtiges Wort, und zwar: GUT.
Jeder kann Mathe lernen, oder Klavier spielen, einige können es nur weniger gut als andere. Aber jeder der sagt, ich kann (gar) nicht, bleibt definitiv unter seinen Möglichkeiten, weil er sich mit Gedanken a la ‘ich kann nicht, ich bin zu blöd, zu ungeschickt, untalentiert etc.’ die Möglichkeit nimmt sich auch in den Gebieten, die einem nicht in den Schoß fallen, zu entwickeln. Ohne Üben und den Willen zum Erfolg ist noch kein Meister vom Himmel gefallen. Wenn man bei Null anfängt und bei seinem Ziel ‘nur’ auf 50% kommt und nicht auf 100%, dann ist das doch schon was und allemal besser, als bei Null stehen zu bleiben. Aber ‘ich kann nicht’ ist natürlich viel einfacher. Das gilt auch für Eltern und Lehrer, die die ‘armen’ Kinder nicht überfordern wollen, weil man das ‘ja nicht machen kann’. Pisa lässt grüßen. Ich musste damals auch Rechtschreibung lernen, und was ist heute: da wird die Dummschreibreform an die angeblichen (Un-)fähigkeiten angepasst, und nicht so lange gelehrt bis auch die heutige Generation es kann.