Ist Martin für Drill? Nein!!!!

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Eigentlich sollte das klar sein.

Aber dennoch schrieb mir eine Kollegin wegen eines Podcasts von Vera F. Birkenbihl besorgt und entrüstet: “Aus angeblichem ‘Respekt vor dem Kind’ ihm zu drohen, seine Stofftiere zu verbrennen, ist ein gesetzeswidriges Vorgehen. Es ist psychische Gewalt. Frau Birkenbihls Aussagen sprechen nicht für Sie.”

Das kann ich verstehen. Denn Drill ist in meinen Augen das Allerletzte, was ich meinen Kindern antun wollte. Es widerspricht allem, wofür ich selbst stehe.

Zum Hintergrund: Ich komme aus einem katholisch geprägten Haushalt, in dem Strenge, Disziplin, und “sich unterordnen” eine wichtige Rolle gespielt haben. Etwas, dem ich ziemlich vehement die Stirn geboten habe. Zuhause. Und auch in der Schule.

Mit der Folge, dass ich mit meinen eigenen Kindern ziemlich lax umgehe. Mancher würde auch sagen: “Die Kinder tanzen Dir aber ab und zu ganz schön auf dem Kopf rum.” Vermutlich sogar zurecht.

Ich habe keine besonderen Ambitionen, was meine Kinder später mal beruflich machen sollen. Ich wünsche mir nur, dass meine beiden Söhne, Rocco und Milton später etwas machen, was sie richtig gut finden. Und womit sie glücklich werden.

Denn es ist ihr Leben. Sie müssen es führen. Und was sie glücklich macht, können nur sie selbst wissen. Dieses Wissen ist in ihnen drin – und jede Zwangshandlung von Außen, jeder Drill, jedes Gefügigmachen für fremde Ziele würde nur den Zugang nach Innen verschütten.

Wenn man diesen Zugang nach Innen hat, kann jedoch etwas sehr interessantes eintreten: Selbst gesteuerte Disziplin.

In der Schule habe ich in vielen Fächern nur das Notwendigste getan. Aber Gitarre spielen, habe ich heiß und innig geliebt. Für mich war es ein Vergnügen, tagtäglich zu üben, und zwar stundenlang.

Und genau das hat mich etwas gelehrt: Erfolg braucht Praxis und Durchhaltevermögen. Gerade Gitarrespielen ist in den ersten Monaten schmerzhaft: Die Saiten tun weh, die verschiedenste Griffe fühlen sich unangenehm an, und viele Übungen sind anfangs demotivierend. Man merkt sehr schnell, wie begrenzt das eigene Können ist und wie weit der Weg zu einer wie auch immer gearteten Virtuosität erstreckt.

Wenn man aber durchhält, und ich glaube, das ist eine der Kernaussagen von Vera F. Birkenbihl, dann erlebt man früher oder später eine Durchbruchsituation: Das Stück, mit dem man sich tage- oder gar wochenlang abgequält hat, fließt einem plötzlich aus den Fingern. Alles Technische ist verinnerlicht, und man konzentriert sich nun “nur noch” auf den Ausdruck. In das vorher mehr oder minder Mechanische fließen Gefühle, Ausdruck, Seele herein. Man übt nicht mehr, sondern spielt.

Eine beglückende Erfahrung, die weit über das eigentliche Erfolgserlebnis hinausgehen kann: Wenn man am eigenem Leibe erfährt, dass es sich lohnt, auch unbequeme Passagen hinzunehmen, und dass man dabei Durchbrüche schaffen kann, die man früher für fast unmöglich gehalten hätte, macht das Mut und Mumm, mehr zu wagen.

Aber all das ist nur möglich, wenn die Entscheidung, sich auf diesen Trip einzulassen, freiwillig getroffen wurde. Aus einer Freude, aus einer Begeisterung für die Sache selbst.

Und nicht, wie mancher meint, in dem man Kinder unter seelischen Druck setzt und von ihnen etwas abverlangt, was sie nicht wollen.


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  1. Frau Birkenbihl hat nicht unrecht, in dem sie davon spricht, dass ständiges Wiederholen die neuronalen Verbindungen setzt, dauerhaft. Aber Drill ist Drill… und die neuronalen Verknüpfungen unter Drill, wie ich ihn verstehe, sind unter Zwang entstanden und sind auch immer in Erinnerung (meist nicht immer bewusst, aber unbewusst) mit negativen Gefühlen dazu. Und die Erinnerung an den aufgeführten Teddymord ( oder auch „nur“ die Androhung des Verbrennens des Kuscheldeddys) wird ein Kind sicherlich als ein Trauma im Unbewussten abspeichern.

    Freiwilliges üben, üben mit Motivation hingegen setzt diese neuronalen Verbindungen viel einfacher, dauerhaft und sind zudem noch mit positiven Gefühlen verbunden. Das ist für mein Empfinden viel wertvoller.

    Ich habe übrigens die gleichen Erfahrungen mit dem Gitarre spielen-lernen gemacht und konnte an dem Beispiel gut nachempfinden. :) Wäre ich gedrillt worden, hätte ich null Freude empfunden, nur Schmerz an den Fingern und inneren Widerstand, Frust. So aber… kann ich immer noch Gitarre spielen, auch wenn ich sie nur noch viel zu selten in die Hände nehme dafür.

    Mein Kind wird eher keine Harvard Studentin… und ich denke auch immer noch nicht, dass beruflicher Erfolg allein glücklich macht. Ich hätte sogar Sorge, dass die wichtigen Dinge im Leben verloren gehen unter dem Drill. Wo bleibt Empathie, wo bleibt das Gefühl für sich selber – auf die innere Stimme hören usw.? Das alles geht im Drill weitestgehend verloren. Dies ist eine ganz andere Intelligenz, die ich persönlich aber viel wesentlicher finde für das Leben meiner Tochter. Für unser aller Leben. :)

    Viele Grüße
    Sandra C.

  2. Annette F. sagt:

    Einen schönen guten Morgen,
    dieses Thema “Drill, Leistung, Authentizität” ist ein komplexes :-) . Weg von “so oder so”, hin zum “sowohl als auch”. Zum einen kommen wir nicht darum herum, unseren eigenen gesellschaftlichen wie privaten Hintergrund dazu zu sehen. Ist es nicht oft so, dass man das, was man noch nicht so gut kann, als Herausforderung bekommt? Wer also lange unter Druck leben musste und von den Eltern “gedrillt” wurde, begibt sich auf die andere Seite und nimmt gerne in Kauf, dass die eignen Kinder heute manchmal zu Nasentänzern werden. Was ehrlich gesagt auch oft nervt :-) . Und manchmal hat man so lange “laissez faire” gelebt, dass man merkt dass mehr Ordnung und Struktur durchaus hilfreich sind. Ich habe meine beiden großen Kinder einst in einer freie Schule unterrichten lassen. Das Konzept – Kinder entdecken aus sich heraus, wie sie am besten lernen (altersgemischt, eigene Wochenpläne machen etc.) – hat mir voll aus der Seele gesprochen. Bei der Umsetzung hat es leider ziemlich gehapert. Im Nachhinein muss ich sagen waren die Kinder z.T. alleine gelassen und mit einer großen Verantwortung überfordert, während sie auf der anderen Seite gelernt haben, lautstark eine Meinung zu vertreten (oft Opposition). Bezeichnend war, dass sich die selbst erstellten Regeln ständig änderten. Gesprächskreise mit z.T. 40 Kindern wurden von 8jährigen geleitet, die Erwachsenen hielten sich zurück. Dass hier wichtige Themen untergingen, versteht sich von selbst. Als ein neuer Mathematik und Physik-Lehrer eingestellt wurde, hingen Protest-Plakate überall im Treppenhaus – dieser Mann erwartete von seinen Schülern LEISTUNG. Er ließ sich nicht davon abbringen, dass eine Arbeit fertig gestellt wurde. Er ließ die Kinder schreien und toben und war konsequent!! Dieser Lehrer wurde nach einem Monat der beliebteste, anerkannteste und meist respektierte Lehrer der Schule! Seine persönliche Stärke, sein Wissen und die Beharrlichkeit gepaart mit Anerkennung des einzelnen Schülers, gaben den Schülern, – SICHERHEIT.
    Mir gefällt heute auch nicht, meine Buchführung zu machen. Oder tagelang Werbung vor zu bereiten, wenn ich doch viel lieber aktiv arbeiten will. Ich kann so viele Schilder im Treppenhaus aufhängen wie ich will – es nimmt mir niemand ab, außer ich bezahle viel Geld, das ich nicht habe.
    Im Grunde wäre wünschenswert, wenn wir Kinder – und uns selbst vielleicht sogar mal zuerst – auf unsere Basismentalität untersuchen. Denn auch eine freie Schule hat einen wichtigen Ansatz. Wer ist rechtshirnig, wer linkshirnig veranlagt? Wer lernt und arbeitet besser kreativ mit einem gewissen Chaos, wer kann sich gut disziplinieren und erfreut sich der geistigen Tätigkeit des stundenlangen studierens? Und: in welchen Bereichen bin ich kreativ, während ich in anderen Strukturen brauche? Es gibt für nichts ein Patentlösung! Für mich ist es daher sehr wichtig, die Intuition zu schulen und mich ein großes Stück auf mein Bauch- und Herzhirn zu verlassen. Sie signalisiert mir, wenn Struktur angesagt ist und lässt mich dennoch Dinge tun, die sich meinem Verstand nicht erschließen (müssen).
    Zum Abschluss möchte ich auch das Thema Motivation nicht vernachlässigen. Selbst wenn die intuitive Eingebung die gute Richtung vor gibt, kann es sein, dass die Motivation nicht ausreicht, beharrlich dran zu bleiben. Da liegen dann noch ganz andere Dinge zugrunde wie mangelnder Selbstwert, Angst vor Misserfolg, aber auch die fehlende Vorbilderfahrung, dass etwas zu leisten gewinnbringend ist. Für ein Umlernen ist doch dann ein Drill – nennen wir es doch lieber beharrliches Üben und eine andere Erfahrung machen – wichtig. Die neuronalen Verbindungen darf man dabei nun einfach nicht außer acht lassen.In der therapeutischen Arbeit erleben wir das immer wieder! Lernen und Verstehen im Kopf reicht nicht. Die umgesetzte, gemachte Erfahrung, lernen in Aktion, wird nachvollziehbar und ist nachhaltiger!
    Herzliche Grüße
    Annette F.

  3. das mit der Freiwilligkeit sehe ich vorrangig bei Hobbys so wie Martin. Bei essenziellen Dingen wie Rechtschreibung und Mathe MUSS es eben so gelernt werden, dass man wenigstens auf eine durchschnittliche Note (=3)kommt, ob das Kind es nun will oder nicht! – auch gerade damit die Kinder später die freie Wahl haben, was sie mit ihrem Leben später anfangen wollen. Schlechte Noten in den wichtigen Fächern bedeutet später so manche verschlossene Tür bei der Berufswahl. Wer heute z.B. KFZ-Mechatroniker werden will, braucht sich mit schlechten Mathe- und Physiknoten bei vielen Firmen erst gar nicht bewerben, denn das sind erfahrungsgemäß die Azubis, die dann die Prüfung nicht schaffen.

  4. Hallo Martin,

    einerseits stimme ich Dir zu. Kinder sollen ihr Leben leben und tun was sie glücklich macht. Auf den ersten Blick ist das ein guter Ansatz.

    Bei genauerem Hinsehen wird es etwas komplexer. Egal was es ist, das den einzelnen Menschen glücklich macht, meist ist es eine Aufgabe oder Fertigkeit, die ein Mindestmaß an Disziplin und vor allem Durchhaltevermögen erfordert um es zu erlernen und zu beherrschen.

    Und hier beobachte ich in der Jugendarbeit (z. B. im Sportbereich) eine ungute Entwicklung. Kinder und Jugendliche finden einen Bereich der sie interessiert und zunächst auch Spaß macht. Aber mit der Zeit muss eine Weiterentwicklung, Fortschritt eintreten, sonst verliert sich das. Und dazu muss man genügend Ausdauer haben um die Zeit zu überwinden, in der scheinbar nichts weiter geht. Und genau das fehlt immer mehr Kindern.

    Sobald Widerstand auftritt, hören sie auf und fangen was anderes an, das auch Spaß machen könnte – bis zum nächsten Stillstand …
    Und ich denke, das hängt sehr wohl damit zusammen, dass Eltern heute oft ihre Kinder fördern, aber zu selten fordern. Ich habe das “Lernen müssen” und “etwas Angefangenes zu Ende bringen”, früher auch gehasst, wenn die Eltern mich dazu zwangen. Aber letztlich sind es die Grundlagen des Erfolgs – egal in welchem Bereich – und somit auch die Grundlage dafür, das zu erreichen, was man will …

    Viele Grüße
    Gerd

    • Hallo Gerd,
      ich bin der gleichen Meinung: Man muss das kultivieren, etwas auch dann durchzuziehen, wenn sich mal kein “schneller Gewinn” abzeichnet. Das ist eine Gabe und Tugend, die für Erfolg sehr wichtig ist.
      Auch viele Erwachsene geben viel zu schnell auf.
      Sie machen zum Beispiel eine Website oder einen Blog auf, sind vielleicht voller Tatendrang und Enthusiasmus – aber dann kommt erstmal nichts, und dann versickert das Ganze.
      Schade eigentlich! ;-)
      Martin

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