Der Fall Guttenberg
Jetzt also doch: Karl-Theodor zu Guttenberg ist zurückgetreten.
Bevor ich mich dazu äußere: Ich würde Guttenbergs Partei nicht wählen, ich zähle auch nicht zu seinen Anhängern – und doch werde ich heute für ihn eine Lanze brechen.
Warum, wird vielleicht schon deutlich, wenn man sich diesen Interviewschnipsel zu Gemüte führt, der mir in den letzten Wochen besonders oft durch den Kopf geschwirrt ist.
Das war im Dezember 2010. (Videoausschnitt vom ZDF)
Guttenberg wusste, wie gefährdet seine Position ist. Und ich habe mich gefragt: Wie lebt es sich eigentlich, wenn man weiß, dass man immer und zu jeder Zeit über irgendetwas stolpern kann?
Haben Sie schon mal darüber nachgedacht?
Für mich wäre das ein Leben in Paranoia.
Jede Entscheidung wird auf die Waagschale geworfen. Lässt man den Kapitän der Gorch Fock weiter in seinem Amt – und läuft Gefahr, Entscheidungsschwäche vorgeworfen zu bekommen? Oder suspendiert man ihn und riskiert, als “Vorverurteiler” in die Annalen der Geschichte einzugehen?
Ignoriert man, was andere denken, ist man arrogant. Orientiert man sich am öffentlichen Gusto hängt man womöglich sein Fähnchen nach dem Winde.
So wird in jeder Minute das Kostbarste, das einem Politiker zur Verfügung steht, zu einem fragil und hochgradig zerbrechlichen Gut: Popularität. Je beliebter, desto mächtiger ist man. Aber damit kann es, wie der Fall Guttenberg beweist, schnell wieder vorbei sein.
Was mich zur nächsten Frage treibt: Warum konnte Guttenberg die Doktorarbeit nicht verziehen werden?
Ich weiß nicht, ob Guttenberg absichtlich getäuscht hat – oder ob er sich tatsächlich beim Verfassen der Doktorarbeit verheddert hat. Aber selbst wenn er tatsächlich plagiiert hat, selbst, wenn er genau wusste, was er tat: Kann man das nicht verzeihen?
Ich will seine Tat nicht verniedlichen. Ich verstehe, dass Tausende auf die Barrikaden gegangen sind. Das war kein Kavaliersdelikt.
Und doch bleibe ich dabei: Warum kann man diesen Fehler nicht verzeihen?
Ist hier irgendeiner unter uns in der Runde, der sich davon frei sprechen könnte, dass er nicht doch irgendwann mal gelogen hat? Dass er vielleicht nicht doch eine Versicherung betuppt, das Finanzamt beschummelt, den Partner oder die Patnerin betrogen hätte?
Ich jedenfalls kann mich davon nicht freisprechen. Und deswegen fällt es mir ehrlich gesagt so schwer, mit dem Finger auf Guttenberg zu zeigen und ihn zu verurteilen. Und ich frage mich, wer in aller Welt überhaupt einen ersten Stein werfen könnte. Mir fällt adhoc keiner ein. Ihnen vielleicht?
Dem wird gern entgegen gehalten, dass Politiker Vorbilder sein sollten. Ein verständlicher wie ebenso unrealistischer Wunsch. Wer kann tatsächlich “nur” rein, ehrlich, aufrichtig, mutig, idealistisch sein?
Kaum einer, behaupte ich hier einmal. Die CDU hat jahrelang schwarze Kassen geführt. Cem Özdemir, der Chef der Grünen, ist zurückgetreten, weil er sich private Vorteile verschafft hat, Jörg Kachelmann hat wild durch die Gegend gepoppt und die Bischöfin Käßmann ist betrunken Auto gefahren – diese Liste der Prominenten ließe sich endlos fortsetzen. Und zeigt meines Erachtens nur eines: Politiker, Stars und Sternchen leben alle von einem schönen Schein, der unterm Strich vor allem eines ist: unmenschlich!
Keiner von uns ist heilig. Die meisten von uns haben – in der einen oder anderen Form – Dreck am Stecken.
Und die Promis, Stars und Sternchen verkaufen uns ein Image, hinter dem sie all das verstecken, was in das Korsett des schönen Scheins nicht reinpasst. Und warum?
Weil es eine Nachfrage danach gibt.
Wir (oder zumindest die meisten von uns, wenn Sie nicht dazu gehören sollten) sehnen uns nach Vorbildern. Nach Idealen. Und wenn einer kommt und sie gut und überzeugend bedient, der profitiert davon. In Form von Wählerstimmen zum Beispiel.
Guttenberg war eine dieser Lichtgestalten, dessen Schatten nun sichtbar geworden ist.
Die Folge: Wir sind im wahrsten Sinne des Wortes ent-täuscht. Guck an, der Freiherr von und zu Guttenberg ist auch nicht so ganz koscher.
Und darum wurde er verfolgt, gehetzt und angezeigt.
Das bringt mich zur zweiten Frage: Was haben wir durch die öffentliche Hetzjagd erreicht?
Erstens: Persönliche Schuld wurde aufgedeckt. Das finde ich gut. Es sind Fehler geschehen, und es wurde verhindert, dass sie unter den Tisch gekehrt wurden.
Zweitens: Die Hetzjagd hat gezeigt, wie unversöhnlich viele von uns noch sind. Es reicht nicht, dass Guttenberg öffentlich seine Fehler eingestanden hat. Es reicht nicht, dass er sich entschuldigt hat. Es reicht nicht, dass er seinen Doktortitel freiwillig abgegeben hat.
Nein: Guttenberg musste als Verteidigungsminister zu Fall gebracht werden. So wollten es die Politiker, so wollten es Medien (“Der Spiegel” oder “Die Welt”), so wollten es die Professoren.
Kaum einer war da, der sagte: “Er hat Mist gemacht. Das gehört sich nicht. Schwamm drüber.”
Diese Unversöhnlichkeit wird leider vermutlich dazu beitragen, dass Politiker und andere öffentliche Größen jetzt erst recht vermeiden werden, zu ihren Fehlern zu stehen. Wer das tut, wer sich der Kritik stellt und wer Fehler zugibt, hat keine Chance auf Gnade. Das hat der Fall Guttenberg erneut bewiesen.
Und ich befürchte, wir alle dürfen uns darauf einstellen, von nun an noch gewiefter, schlauer und raffinierter belogen zu werden.
Die Unversöhnlichkeit wird außerdem höchtwahrscheinlich dazu beitragen, dass der Angstpegel derjenigen steigt, die etwas Außergwöhnliches wagen wollen. In meinen Quest-Seminaren und in meinen Coachings erlebe ich es immer wieder, wie Träume in den Würgegriff der sozialen Versagensangst genommen werden: “Was werden die anderen sagen?” und “Was, wenn ich versage? Wie stehe ich dann da?”, war und ist bei vielen stärker. Nur nicht auffallen. Nur nichts wagen. Es könnte ja sein, dass man in Ungnade fällt.
Wie Guttenberg jetzt.
Wollen wir das?
Wollen wir diesen Preis wirklich bezahlen?
Ich nicht.
Und deswegen beende ich diesen Artikel mit Dreierlei.
Erstens: Sorry, ich kann keinen Stein werfen, denn ich hab selber genug Mist gemacht. (Muss ich jetzt auch abtreten?)
Zweitens: Ich verzeihe Guttenberg. Nicht, dass er das von mir bräuchte oder gar nötig hätte. Keineswegs. Es geht mir auch nicht um ihn. Ich kenne ihn ja nicht mal. Aber ich tu es um meinetwillen. Von mir aus ist es ok, dass er Mist gemacht hat. Auch richtig ordentlichen Mist. Das entlastet mich von Ansprüchen, die ich eh nicht erfüllen kann.
Und Drittens: Schreiben Sie mir, was Sie denken?
Mich würde das brennend interessieren.
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Lieber Martin,
um Dein “brennendes Interesse” zu stillen, hier ein paar Gedanken dazu von mir.
Ich finde es o.k., dass v. Guttenberg nicht mehr Bundesminister ist. Ich habe als ehemalige Doktorandin Einblick in diese “Sphäre” bekommen und kann als das Mindeste seinerseits erwarten, dass er dazu steht und ihm der Titel wieder aberkannt worden ist. Für mich stellt sich eine weitere Frage: Welchen Anteil hat die Universität daran, dass er den Titel bekam? (Eine Arbeit muss auch verteidigt werden. Bei der Fragestunde im Bundestag klang es fast, als hätte er sie am Wochenende davor erstmals (wirklich) gelesen…) Ich finde gut, dass einmal öffentlich wurde (obwohl längst bekannt), dass es möglich ist, sich einen Doktortitel für gutes Geld zu kaufen. Eine Praxis, die nur eines der vielen Symptome für den “überholungsbedürftigen” Zustand unserer Gesellschaft und damit längst not-wendige echte Reformen klarstellt.
Kommt noch dazu: Als Kind haben wir hie und da zu hören bekommen: wer einmal lügt, dem glaubt man nicht (Volksmund – er bringt´s wie so oft auf den Punkt). Wie kann ein Minister noch glaubwürdig sein bei solchem Verhalten???
Er hat jetzt die Chance bekommen, seinen bisherigen Weg wirklich zu überdenken und tatsächlich einiges Grundlegendes zu ändern. Es muss ja nicht sein, dass er völlig von der Politik-Bühne abtritt. Doch wie so mancher “Nichtpolitiker” einen vorrübergehenden Rückzug (z.B. ins Kloster) aus dem Alltag wählt, um bei sich anzukommen und das Leben neu zu sortieren, hat auch er nun die gute Chance dazu – wenn auch der Schritt dahin gewiss schmerzhaft ist.
Mit dem Steinewerfen hast Du natürlich Recht, doch bei allem (“hohen” – seine eigenen Worte) Anspruch an seine Arbeit als Politiker gehört dann auch ein aufrechtes Verhalten dazu – auch beim Erwerb eines Doktortitels (zumindest sehe ich das so). Und wir wissen ja: was wir säen, das ernten wir. = Eigenverantwortung…
Der Aufschrei der Wissenschaftler und Doktoranden an die Bundeskanzlerin ist aus meiner Sicht verständlich. Wer sich einmal auf die Promotion eingelassen hat, weiß, wieviel Nerven, Zeit, Energie, … das kostet…
Wir leben in einer Zeit, wo immer mehr und vor allem schneller “Kunkeleien” i.w.S. schonungslos aufgedeckt werden – Dank der Medien und vor allem auch des Internets. Geht es doch darum, menschliche Werte wieder neu zu definieren – da ist wohl keine Zeit mehr für (faule) Kompromisse. Klare Verhältnisse, Transparenz auch genannt, sind immer mehr gefragt, wollen wir die Welt in bessere Verhältnisse führen. Deshalb vielleicht auch die Härte, mit der jetzt bei v. Guttenberg vorgegangen wurde – und bei jedem weiteren auch geschehen wird. Siehe auch die arabischen Länder …
Na, jetzt floss es doch ganz schön aus der “Feder” … vielleicht regen diese Zeilen zu nützlichen weiteren Wortmeldungen und Beiträgen an. Ich wünsche jedem, immer mehr Ehrlichkeit in sein Leben zu bringen – bei allen (gedachten) Bedenken, Befürchtungen, Ängsten, … Mögen wir dort ankommen, dass wir uns klaren, offenen Blickes und mit viel Liebe selbst in die Augen schauen können – dann ist die Welt schon ein gutes Stück besser geworden. In diesem Sinne – alles Liebe. Jana
Hallo Martin,
es ist sehr richtig und wichtig, was Du schreibst.
Auch ich gehöre nicht zu der Fraktion, die mit dem Finger auf Guttenberg zeigt, weil auch meine Weste gewiss nicht ganz sauber ist, obwohl Werte..wie Aufrichtigkeit und Offenheit ganz oben bei mir angesiedelt sind.
Wie ist das mit Ying und Yang? Das Eine ist immer im Anderen vorhanden.
Was zu Guttenberg angeht: Der Rückzug war das einzig Richtige, gerade weil er ein hohes und verantwortungsvolles Amt bekleidet hat.
Und ist es nicht so, dass ma immer das bekommt, was man gerade “braucht”.. um wieder ein Stückchen zu wachsen?
Mir hat ein ein zeitigeres Zugeständnis von ihm gefehlt: Ich habe großen Mist gebaut!
Die Hetze allerdings war unerträglich.
Beste Grüße
Annette
Hi,
ich gehöre vermutlich einer Minderheit an. Mir ist absolut Schnurz, wie er seinen Doktortitel geholt hat (auch wenn seine passiven Aussagen wie “Diese Doktorarbeit entstand” anstatt “Ich habe diese Doktorarbeit …” darauf hin weisen, dass er sie wohl eher nicht selbst geschrieben hat). Ich persönlich habe KT immer wie einen 0815-Politiker empfunden, nicht weniger aalglatt, nur jünger. Von daher enttäuscht er mich auch nicht sonderlich, du hast ja schon viele Beispiele genannt von, und Politiker sind mit Sicherheit nicht bessere Menschen als andere.
Dies sind meine Gedanken zum Thema:
1. Wie kann man so abgrundtief naiv (oder dumm?) sein, dass man meint, mit so einer relativ leicht aufzudeckenden Geschichte durchzukommen? Wenn er es selbst geschrieben hat weiß er ja, das ohne Ende geklaut wurde. Falls nicht gibt es Menschen, die wissen, dass er es nicht selbst geschrieben hat.
2. Wofür das Ganze? Als ob jemand durch einen Doktortitel irgendetwas gewinnen würde. Ganz im Gegenteil behaupte ich, wo (abgesehen von Medizinern) wirkt auf den Durchschnittsbürger ein Doktortitel denn positiv?
3. Die Art der Verteidigung war ein Witz. Erst kam der arme gestresste Familienvater, der sich zu viel aufgehalst hat. Oooooh, na dann ist klauen auf jeden Fall in Ordnung. Dann kam auch noch etwas in der Art “Ich bin im Amt geblieben, um die gefallenen Soldaten die letzte Ehre zu erweisen”. Ist klar, das war kein Kleben am Ministerposten, um die Kameraden ging es.
4. Es wird immer von seinen Verdiensten gesprochen, um zu argumentieren, warum aus den eigenen Reihen keiner aufgemuckt hat. Was genau war denn das? Eine Bundeswehrreform, die die FDP (und der stehe ich nun überhaupt nicht nah) schon seit Jahren fordert und die gerade mal startet und deren Ausgang (genug Freiwillige im sozialen Bereich) äußerst fragwürdig ist?
Du hast so schön Frau Käßmann erwähnt. Sie ist besoffen über ein paar rote Ampeln gefahren. Hat sie etwas vom Stress einer Frau in einer Führungsposition gefaselt? Nein, sie hat gesagt “Ich habe Scheiße gebaut, ich trage die Konsequenzen, ich trete zurück”. Die Frau kriegt bei mir jeden Job, wenn sie so konsequent bei einer solchen Geschichte agiert. Der muss man nicht verzeihen, der hat man verziehen. Aber jemand, der über Monate mit Vorsatz Scheiße baut und versucht da mit Kopf durch die Wand aus der Nummer zu kommen? Und nachdem, was ich gehört habe, hat er wegen zu schlechter Noten eine Art Sondergenehmigung erhalten, um seinen Doktortitel überhaupt schreiben zu dürfen. Das alles führt mich zu der Vermutung, dass er nicht besonders helle ist und ich ihn daher nicht zwangsläufig in einer hohen Position einer Regierung benötige. Wie viele andere auch nicht, die diese inne haben.
Lieber Martin,
in der öffentlichen Diskussion wird etwas meines Erachtens schlicht übersehen.
Es gibt die Bürger und es gibt das öffentliche Amt. Als Bürger hat man alle Rechte, auch die, dass man nach einem Fehlverhalten sich entschuldigen kann, um dann weiter (ggf. nach einer Bestrafung) ein normales Mitglied der Gesellschaft zu sein.
Dem gegenüber steht das öffentliche Amt. Das öffentliche Amt, so Wikepedia, bezeichnet einen Dienst, der innerhalb der Exekutive und Judikative von Personen ausgeübt wird. Weiter heißt es, dass die Amtsinhaber (Beamte/Richter) an Recht und Gesetz gebunden sind (Art. 20 GG), deren Verletzung oder Missbrauch disziplinar- oder strafrechtlich verfolgt werden kann. (Ja, ich weiß, Guttenberg ist Minister und kein Beamter, aber das gilt ja analog.)
Was bedeutet das dann für Guttenberg? Guttenberg hat sich eines Plagiatvergehens schuldig gemacht. Wie auch immer dies strafrechtlich verfolgt wird oder auch nicht: es ist schlicht Betrug!
Damit hat Guttenberg das öffentliche Amt beschädigt, das ja nicht losgelöst von der Person zu sehen ist. Wenn der Inhaber dieses Amtes gegen die Regeln und Normen verstößt, für das das Amt nun einmal steht, dann ist es nicht tragbar, diesen Menschen in diesem Amt zu belassen, da das öffentliche Amt beschädigt wurde. Wie kann die Bundesrepublik z.B. ihr Gesicht in der Welt wahren, wenn eine Amtsperson, gegen das deutsche Recht verstößt?
In einer Dienstvorschrift der Bundeswehr heißt es:
„Durch die Innere Führung werden die Werte und Normen des Grundgesetzes in der Bundeswehr verwirklicht. Sie bildet die Prinzipien von Freiheit, Demokratie und Rechtstaatlichkeit in den Streitkräften ab. Ihr Leitbild ist der „Staatsbürger in Uniform“.
Zentrale Dienstvorschrift 10/1, Ziff. 301
Wenn es in der Bundeswehr auch um Werte und Normen geht, dann muss der oberste zivile Amtsinhaber auch als ganzer Mensch hinter den Werten und Normen der Truppe und der Bundesrepublik stehen. Wie sonst könnte er glaubhaft diesem Anspruch gerecht werden?
Liebe Grüße
Christian