Die Falle der Selbsthilfe-Industrie

13 Beiträge

Mein erstes Video zum Kurs “All you need is: Love!” hat ganz schön Staub aufgewirbelt.

Einige fanden es richtig gut.

Es gab aber auch kritische Stimmen. Ihr Tenor: “Martin, ich beschäftige mich schon seit langer Zeit mit diesem Thema, und was Du präsentierst, ist doch nichts Neues.”

Vielleicht.

Denn genau hier kann ein Problem vergraben sein, das viele übersehen, die sich mit Mediation, Selbstcoaching und ähnlichen Themen befassen.

(An dieser Stelle der Hinweis: Ich kenne die Kommentatoren nicht persönlich, und von daher kann ich sie nicht einschätzen. Gut möglich, dass das Folgende für sie nicht passt).

Selbsthilfe-Angebote (Bücher, Seminare, Online-Kurse etc.) können süchtig machen.
Wie bei einer Droge geben sie uns einen ersten Kick, der gut tut – bis uns dann wieder die alltäglichen Probleme einholen.

Warum das ist ist und wie der Mechanismus funktioniert, erfahren Sie in diesem kurzen Webkonferenz-Mitschnitt. (Hinweis: Wenn Sie nicht wissen, was das Dramaland ist, schauen Sie sich dazu das erste Video an.)

Das “Loch”, das die Menschen spüren, hat natürlich im Wesentlichen damit zu tun, dass sie sich noch immer nicht so akzeptieren wie sie sind. Dass sie glauben, sie müssten – irgendwie – anders sein, damit man sie liebenswert findet.

Und dass sie versuchen, diesen Mangel durch Erfolge im Äußeren auszugleichen. Sei es in der Liebe. Im Beruf. Oder durch Selbsthilfe-Ideale. “Wenn ich nur lange genug meditiere, dann werde ich endlich glücklicher.” Oder: “Wenn ich ganz im Hier und Jetzt liebe, werde ich endlich zufriedener.” Oder: “Wenn ich mir die ’7 Erfolgsgeheimnisse’ drauf geschafft habe, werde ich endlich erfolgreich, glücklich und zufrieden.”

Davon lebt die Selbsthilfe-Industrie, zu der ich ja auch gehöre, ganz prächtig. Weil die Sehn-Sucht da, und weil die Selbsthilfe-Angebote diese Sehn-Sucht nicht stillen, sondern weiter verstärken, kauft man eben noch ein Buch, besucht noch ein Seminar, bucht noch einen Online-Kurs, der hoffentlich, hoffentlich endlich die Erlösung bringt.

Aber wie bei allen Verstrickungen im Dramaland kommt diese Erlösung nie.

Wie auch.

Auf dieser Ebene kann die Sehn-Sucht nicht aufgelöst werden.

Mehr dazu in Kürze.

Was meint Ihr dazu?


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  1. Hallo Martin,
    die Bücher etc. können einen wunderbar klein halten. Die wollen das zwar gar nicht, aber eine Erkenntnis um zu setzen und die Welt zu bringen braucht viel Fleiß und Selbstdisziplin. Und dann hänge ich das Ziel höchst wahrscheinlich viel zu hoch, da ich ja die absolute Lösung wünsche und schon ist es unrealistisch. Ich glaube wie ein Kind an die “Schnelle Pille” die mich wieder gesund macht, weil ich ja auch glaube ich wäre krank. Und auf diesen CDs mit sanfter Stimme und Hintergrundmusik und in diesen Büchern ist ja immer alles schon fertig und ideal. Das ist doch für mich als Hörer/Leser/in frustrierend. Deine Work, die ich mir am Wochenende angehört habe war für mich sehr realistisch und anschaulich. Menschlich nah und nachvollziehbar. Beim Lesen und Hören bleibe ich doch wieder draußen. Konkrete Arbeit ist da begreifbarer. Vielleicht erhofft man sich, “beim nächsten Buch wird alles anders”. Insofern ist es doch eine Sucht, im Sinne von Suche. Suche nach sich selbst, dass man endlich so sein darf wie man ist. Nur vielleicht in der falschen Richtung. Lieben Gruß :-)

  2. Hallo Martin,
    ja genau das ist der Punkt: Im Dramaland sucht man intensiv nach Lösungen. In den Büchern, Seminaren etc. werden so viele “Lösungen” angeboten, es ist alles so einfach.
    Aber wie Du es auch ansprichst, es geht gar nicht darum !
    Es geht einzig und allein um die Antwort auf die (jahre)lange Frage
    “was will ICH eigentlich ?”
    Was genau ist MEIN Thema, Talent, womit beschäftige ich mich “als Hobby”…..
    Das könnte zu einer Tätigkeit führen, mit der ich mich mehr und mehr identifizieren kann, die meinem Naturell entspricht und wo sich der “Erfolg” fast nebenbei einstellen könnte.
    DAS wäre, meiner Meinung nach, der Weg zur Antwort auf die Frage was ich will und bin.
    Man nähert sich somit der Antwort auf diese Frage von der “verkehrten” Seite und baut dabei schon etwas auf.
    Auf dem “üblichen Weg” steht das als Hindernis da, denn man “muss” ja zuerst wissen was man will, es dann tun um DANN erst Erfolg zu haben odedr zu erkennen……

    Ich glaube auch dass es ein wichtiger Punkt ist, dass viele Bemühungen die schon fast Erfolg hatten abgebrochen wurden, weil man zu viel Drama um einen herum hatte und sich dann scheut, den “gleichen” bzw. ähnlichen Weg nach mal zu gehen, weil “man es ja schon probiert hat und daher kennt……”

    Liebe Grüsse

    TOM

  3. Du sprichst da einen wichtigen Punkt an, Tom.

    Das Problem ist jedoch häufig, dass die Leute wegen der frühen Entfremdung von sich selbst, gar nicht mehr so recht wissen, was sie wollen.

    Das habe ich bei meinen Quest-Trainings oft erlebt: Die Leute sind so vollbesetzt mit Idealen, die sie erfüllen sollen (und oft nicht können, weil es gar nicht ihrem Naturell entspricht), dass sie den Draht zu sich selbst verloren haben.

    Deswegen ist es wichtig, dass man anfängt, all die Seiten, die man bis dato NICHT mochte, Stück für Stück wieder anzunehmen. Je mehr einem das gelingt, desto mehr kommt man in seine innere Mitte.

    Und von hier aus ist es nicht nur leichter, herauszufinden, was man will. Sondern es auch umzusetzen (das ist das Thema des vierten Videos, das nächste Woche kommt).

    ;-)

    Martin

  4. Guten Morgen,

    ich gehe noch einen Schritt weiter als Tom:

    “WILL ICH eigentlich?”

    Sind vielleicht die Meisten – wenn auch unbewusst – in einer “pubertären Protestphase”? Uns wird doch suggeriert, dass es ganz einfach ist, an unsere Ziele zu kommen, wenn wir nur xyz tun/lesen. Angebote gibt es wie Sand am Meer …

    Aber so lange ich das Gefühl habe, dass ANDERE wollen dass ich will … geht doch eher gar nix ;-)

    Herzliche Grüße aus Düsseldorf, Ulrike

    • Hi Ulrike,

      die meisten Leute, die zum Coaching kommen oder einen Kurs buchen, stehen genau da, was Du hier beschrieben hast.

      Wenn sich einer das Rauchen abgewöhnen will und zum Coach geht, dann wird es eine Seite geben, die das Rauchen satt hat. Und eine andere, die aber gerne weiter paffen würde.

      Als Coach hat man die Aufgabe, beide Seiten abzuholen. Die, die will. Und die, die auf keinen Fall will.

      Wird letztere fürs Ziel gewonnen, läuft der Rest von allein.

      ;-)

      Martin

  5. Guten Morgen lieber Martin,
    so ist das, wie du sagst. Das ist die Eigenschaft des Profits.
    Viele von Menschen beugen sich dem Bild, was die Geselschaft vorschreibt. Somit entfremden wir uns von uns selbst und von dem, was wir wirklich selbst mit Herzen wollen. Viele von uns kennen die eigenen Bedürfnisse nicht. Wir tun alles, um in Außenwelt (da daraußen) das zu bekommen, was wir brauchen: die Anerkennung, Bestätigung, Liebe, Zugehörigkeit und und und.
    Die Willenskraft und die Motivation, die von außen kommen, bringen keinen Menschen zum Ziel, zur Erfüllung der Herzenswünsche. Die Vorsätze und Wünschen werden nicht realisiert.
    Nur, wenn ich weiß, was ich selbst wirklich will, habe ich dann innere Willenskraft, das auch zu erreichen. Das heißt, der erste große Schritt ist, mich mit meinen eigenen Bedürfnissen zu beschäftigen, und nicht was die anderen wollen, dass ich es wollen muss (die Forderungen, die von außen an mir herangetragen werden). Und genau da scheitern viele von uns, raus zu finden, was das eigene Bedürfnis ist.
    Die Bedürfnisse und Wünsche sind im Unbewussten (im emotionalen Erfahrungsgedächtnis) zu finden.
    Nur wie bekomme ich den Zugang dazu?
    Lieber Martin, wie du sagst, genau hier profitieren die Industrie und Politik viel davon mit Versprechungen, Menschen zu unterstützen, ihre Wünsche zu verwirklichen.
    Ich bin sehr neugierig, was deine Angebote bei deinen Kunden bewirken. Wie viele von ihnen wenden sich immer wieder an dich???
    Du sprichst sagenhaft Menschen und ihre Bedürfnisse an (Volltreffer).
    Die Frage ist nur, wenn deine Methode ihnen helfen würde, warum kommen die gleichen Kunden zum wiedeholten Mal zu dir? Warum funktioniert die Hilfe zur Selbsthilfe kaum?

    Mit besten Wünschen
    Soheila

  6. Zu der Frage “Wie finde ich heraus, was ich tatsächlich will und mich glücklich macht und wie erreiche ich meine Ziele?” gibt es einen interessanten Beitrag von Prof. Falko Rheinberg, Motivationspsychologe:
    http://www.psych.uni-potsdam.de/people/rheinberg/files/VortragMPKMotivationaleKomp.pdf
    Denn gerade bei einem so wesentlichen Thema kann ein wenig Hintergrundinformation auf wissenschaftlicher Grundlage nicht schaden.
    Rheinberg unterscheidet zwischen “basalen Motiven”, die er als in der frühen Kindheit geprägt definiert und die unbewusst sind – und dem motivationalen Selbstbild: wer und wie ich bewusst sein möchte.
    Wenn diese beiden Motivanlagen zusammenpassen: Prima!
    das ist eine gute Voraussetzung für Glück und Lebenserfolg, man steuert instinktiv die Ziele an, die dann auch befriedigend sind, und ist dazu ausreichend motiviert, um bei Schwierigkeiten durchzuhalten.

    Die Leser von Selbsthilfebüchern – auch die coach-yourself-Sucher? – haben es aber leider oft nicht so einfach…
    sie scheinen zu den Menschen zu gehören, bei denen die basalen Motive und die bewusste Zielsetzung auseinanderdriften.
    Bewusste, selbstgesetzte Ziele lassen sich dann nur mit extremer Willensanstrengung erreichen, wenn überhaupt, weil die unbewussten Teile der Persönlichkeit das Ziel nicht mittragen oder sogar sabotieren.
    Rheinberg schlägt vor, zur Ergründung der basalen Motive eine Art Visionsreise zu machen: in entspanntem, träumerischem Zustand den idealen Tag zu visualisieren – oder paradox: sich den Tag oder den Beruf des absoluten Grauens vorzustellen, damit man wenigstens erkennt, was man keinesfalls will.
    Das kann funktionieren, aber es ist nicht einfach, weil sich immer wieder bewusste oder aussengeleitete Motive in die Visualisierungswelt hineindrängen können.

    was mich persönlich in Sachen Selbsterkenntnis weitergebracht hat, war eine astrologische Beratungs-Analyse.
    Ähnlich wie Rheinberg geht die Astrologie davon aus, dass es basale Motive gibt und sie mit dem Geburtszeitpunkt unbewusst geprägt werden. Je nach familiärem und sozialem Umfeld können diese Motive dann gestärkt oder behindert werden, und man hat es entsprechend leichter oder schwerer, sich selbst zu leben.
    Wer diese Möglichkeit versuchen möchte, sollte sich an einen seriösen Astrologen wenden. solche findet man z.B. beim Deutschen Astrologenverband, viele dort sind auch geprüft.
    Für wenig Geld gibt es aber auch Bücher für Einsteiger, mit denen man sein Horoskop selbst ergründen kann, das kann bei der Frage “was will ich eigentlich und wer bin ich” schon ein gutes Stück weiterhelfen.

    Lieben Gruß!
    Sandra

    • Hi Sandra,

      ich glaube, da ist viel Wahres dran: Es gibt etwas Inneres, das bereits vorhanden ist und das auch gelebt werden möchte.

      Und dann gibt es Ziele, die eher aus Anregungen von Außen entstanden sind und die uns Schwierigkeiten bereiten, wenn sie sich sehr von dem Inneren unterscheiden.

      Es gibt jedoch einen Punkt, den ich etwas anders sehe: Die “basalen” Ziele müssen nicht unbedingt in der Kindheit geprägt sein. Sie sind oft – unabhängig von Prägungen – schon von früh an vorhanden. Wir werden meines Erachtens so ab Werk ausgeliefert.

      Ob das nun Gene sind, die wir mitbringen oder karmische Lebensaufgaben, wie die Astrologie meint, darüber werden manche geteilter Meinung sein.

      Aber ich glaube, etwas in uns ist einfach da, es ruft uns (daher auch das Wort “BeRUFung”, und sobald wir es hören und es zu leben beginnen, wird in der Tat vieles einfacher.

    • Lieber Martin,

      danke für Deine Antwort.
      auch ich neige zu der letzteren Sicht:
      wir bringen etwas ganz individuelles mit zur Welt, das nach Ausdruck verlangt, wenn unser Leben gelingen soll.
      Ich habe Rheinberg auch nur deshalb angeführt, weil er erfolgreiche und misslungene Lebensläufe erforscht hat, und mit ihm erstmals ein Psychologe die Existenz verborgener, im Prinzip rational unergründbarer Motive, die in uns schlummern, formuliert hat.
      Rheinberg selbst bezeichnet sein Konzept deshalb auch als revolutionär…nun ja. bei einem Blick über den Tellerrand in Richtung Astrologie oder Spirituelle Lehren erschiene es ihm wohl nicht ganz so neu.
      Unabhängig von der Frage aber, woher nun diese basalen Motive stammen, erforscht er ja Strategien, die zu einem gelungenen Leben und zur Zielerreichung führen, und das finde ich interessant und erhellend, und auch für Therapie und Selbst-Coaching wertvoll.

      Von Astrologie kann man auch etwas lernen, ohne unbedingt an Karma glauben zu müssen! (so wie ich.)
      Es gibt ja nicht nur esoterische Astrologen, sondern auch andere, die einfach davon ausgehen, die Zeit hat nicht nur eine Quantität, die wir mit der Uhr messen, sondern auch eine Qualität, d.h., jeder Augenblick enthält eine Information.
      Und Wesen, die dafür empfänglich sind, wie Menschen offenbar, werden bei ihrem Eintritt ins Leben von dieser Information geprägt – und das formt dann neben Vererbung und Umfeld ihre Persönlichkeit und ihre wichtigsten Motive.
      “Geprägte Form, die lebend sich entwickelt…” wie der Dichterfürst es ausdrückte.

      Diese Erkenntniswege sind natürlich etwas andere, als Du sie in “Quest” beschreibst, ein schönes, weises Buch, mit dem Du sicher vielen weitergeholfen hast.
      Aber für die wenigen, die nicht so recht damit voran kommen und immer weitere Selbsthilfebücher konsumieren müssen – habe ich sie hier als Alternative erwähnt, weil sie ebenfalls funktionieren.

  7. Wunderbar! Jetzt kommen wir sehr gut auf den Punkt. Martin, ich kann das was Du sagst sehr unterstreichen. Die pubertäre Rebellion, die hier im Dialog erwähnt wurde, ist u.U. ein gesellschaftliches Phänomen der Ewig-Jung-Kultur und Wert-durch-Leistung-Einstellung. In der Pubertät ist man tatsächlich ein Suchender, man weiß nur man will “NICHT so” wie die “Alten”. Wir beschäftigen uns mit Bildern und auch meine herbe Kritik an Secret und Co: mit Suchtbildern. Wir SIND nicht sondern wir versuchen ZU WERDEN. Aus diesem Karusell auszusteigen – STEHEN zu bleiben – macht erst mal schwindelig. Und wenn wir diesen Schwindel fühlen kommen wir ZU UNS. Dann zeigt sich, was wir die ganze Zeit durch “Arbeit an uns” ausblenden, welche Gefühle wir verdrängen. Was wir mit Trinken, Konsumieren etc. Kompensieren. Und erst unter DIESEN Gefühlen sitzt unser Wesen mit alĺem, was es einfach von Anfang an in sich trägt. Oft einsam, vergessen, nicht wahr genommen. Ich hatte jahrelang mit heftigen Schuldgefühlen zu tun, manchmal heute noch, wenn ich MICH zulasse. Jetzt begreife ich, dass die Schuldgefühle mir anzeigen, dass ich hier bei mir bleiben darf und mir vertrauen darf. Manchmal bin ich so ergriffen, dass es mir die Tränen in die Augen treibt. Es wird langsamer und ruhiger, aber keinesfalls langweilig. Wenn ich hier bei mir bin habe ich die Basis für meine wahren Bilder und Visionen. Ich bin dankbar! Auch hier zu sein.
    Herzliche Grüße
    Annette

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