Mein angeschlagenes Selbstwertgefühl: Ein Einzelfall?
Eine Frau, die mein kostenloses Schmankerl “Die Selbstbild-Rakete” aus dem Kurs “All you need is: Love!” getestet hat, schrieb mir: “Bei dieser doch simpel anmutenden Selbstbildrakete, schaffe ich es nicht, selbst wenn ich mich noch so sehr bemühe an einen Menschen zu denken den ich liebe bzw. das Gefühl herzustellen. Noch schlimmer ist es, wenn ich meinem Herz diese Gefühle zukommen lassen soll- ganz schwierig…”
Und weiterhin “Mir ist dadurch schmerzhaft klargeworden wie klein meine Selbstliebe ist. Eigentlich verstehe ich das nicht so ganz, denn ich glaube immer ich bin selbstbewust, und das beste Beispiel für meine Selbstliebe ist doch, dass ich mich gesund ernähre, sporlich am Ball bleibe, und auch sonst meinem Körper kaum Alkohol und nur ab und zu Nikotin zumute… ist doch auch Selbstliebe oder?”
Um dann abschließend zu einer wichtigen Frage zu kommen: “Was meinen Sie, geht es vielen am Anfang so?”
Ich glaube…
Ja.
Ich glaube, der Mangel an Selbstliebe ist ein zentrales Thema unserer heutigen Zeit.
Nehmen wir zum Beispiel nur den aktuellen Spiegel-Titel, der morgen (Montag, den 25.07.2011) erscheinen wird.
Wie kommt es, dass sich immer mehr Menschen im Job selbst ausbrennen? Warum lassen sie sich so sehr stressen? Warum arbeiten sie bis zum Umfallen? Und warum ziehen sie nicht einfach die Reißleine, wenn der Körper signalisiert: Ich kann nicht mehr?
Man könnte den Schuldigen in den Unternehmen ausmachen, die immer mehr von ihren Angestellten fordern. Oder in der hohen Informationsüberflutung, der wir einfach nicht gerecht werden können. Oder der Globalisierung, in der billige Arbeitsplätze anderswo unsere Karrierechancen in unseren Breitengraden auffressen.
Möglicherweise spielen alle diese Faktoren eine Rolle.
Es beantwortet aber nicht die Frage, warum die Menschen einfach nicht “Stop” sagen, wenn es zuviel wird?
Oder denken Sie nur an den weit verbreiteten Schönheitswahn, der sich nicht nur in Busenvergrößerungen, Nasenkorrekturen, Fettabsaugen oder Lifting äußert. Sondern vor allem in dem täglich prüfenden Blick in den Spiegel: Wie sehe ich aus? Was werden die anderen denken? Mein Gott, warum habe ich nur… so eine schiefe Nase/diese Speckfalten/Falten/Cellulitis etc.?
Ich glaube, dass Viele von uns heutzutage einem Zwang unterliegen: Erfolgreich zu sein. Leistungsfähig zu sein. Gesund zu sein. Glücklich zu sein. Attraktiv zu sein. Besonders zu sein. Auf der Höhe der Zeit zu sein. Und so weiter.
Gegen keine dieser Eigenschaften könnte ich etwas einwenden.
Aber in Verbindung mit einem Mangel an Selbstliebe wird das Streben nach dem so gestrickten Glück zu einer Falle. Wir hetzten uns. Wir vergleichen uns. Wir bewerten uns. Aber nicht nach dem, was uns im Innern wirklich wichtig ist. Sondern in dem, was andere von uns denken – könnten.
Und wie groß das Ausmaß ist, wird einem bewusst, wenn man sich einmal die Auflagenzahlen der Selbsthilfebücher anschaut, bei denen die Bestseller durchaus Millionenhöhe erreicht. Die Trainings-/Coaching-Industrie ist ein Milliardenmarkt ist, der den immensen Wunsch nach einem – wie auch immer gearteten – Erfolg belegt.
Aber warum lassen sich all diese Menschen coachen, trainieren und weiterbilden?
Weil sie sich ein Leben zimmern möchten, das genau zu ihnen passt?
Oder weil sie glauben, auf diesem Weg doch noch vor Anderen gut dastehen zu können?
Der Philosoph Alain de Botton hat einmal gesagt: “Es gibt zwei Arten von Selbsthilfebüchern. Die einen, die Dir sagen: ‘Du kannst es, Du schaffst es, alles ist möglich.’ Und die anderen, die Dir erklären, wie man mit einem geringen Selbstwertgefühl umgeht.”
Und genau letzteres ist das Problem.
Was heißt denn Selbstwertgefühl? Oder Selbstvertrauen?
Bedeutet es nicht Vertrauen in uns Selbst?
Aber wir sollen wir uns selbst vertrauen, wenn wir uns selbst ablehnen?
Genau.
Geht nicht.
Und das bringt mich zu einem letzten Thema, dass Sie in Ihrer Mail angesprochen haben: “Noch schlimmer ist es, wenn ich meinem Herz diese [Liebes-]Gefühle zukommen lassen soll- ganz schwierig… Mir ist dadurch schmerzhaft klargeworden wie klein meine Selbstliebe ist.”
Der letzte Satz ist falsch herum fomuliert.
Eigentlich müsste er heißen: “Weil meine Selbstliebe klein ist, ist es schmerzhaft.”
Denn, und das ist nicht nur eine gute, sondern vor allem wichtige Botschaft, wie ich finde: Sich selbst als nicht liebenswert zu empfinden, verursacht Schmerz – weil es nicht der Wahrheit entspricht.
Denn unser Körper spiegelt uns wider, was wir denken.
Wenn wir glauben, dass jemand nett ist, und unser Inneres weiß es besser, spüren wir ein Unwohlsein.
Wenn wir an etwas denken, das uns gut tut, ein Gaumenschmaus, wohlige Urlaubserinnerungen, lustvolle Genüsse, spüren wir Freude.
Wenn wir über jemanden liebevolle Gedanken hegen, dann fühlen wir etwas Gutes in uns aufsteigen.
Darum gilt die Regel: Das, was für uns persönlich wahr und richtig ist, äußert sich ganz einfach in Wohlgefühl.
So sind unsere Gefühle quasi ein Kompass für das, was für uns stimmt.
Wenn Sie also Schmerz empfinden, dann wissen Sie also jetzt, dass Ihre Gedanken über sich selbst und über die Liebe nicht stimmig sind.
Sehen Sie deswegen diesen Schmerz nicht als Hürde, der Sie abhalten will, sich und andere zu lieben.
Sondern als Hinweisschild: Diese Gedanken, Einstellungen und Meinungen taugen nichts.
Aber da hinten, wo die Freude winkt. Da geht es lang.
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Hallo Martin,
also eher “mein angeschlagenes SelbstLIEBEgefühl”, um das es hier geht – oder ist das im Endeffekt sowieso ein und das Selbe? Die Selbstliebe und der Selbstwert?
Noch sehe ich es als zwei Teile …
Das Ziel aus meiner Sicht: ICH liebe / wertschätze MICH, so wie ich grad bin!
Die Falle, in die ich immer mal wieder gerne tappe: die ANDEREN sollen mich lieben/wertschätzen, wie ich grad bin. Wenn sie es nicht tun … ist irgendwas an mir noch nicht gut / richtig genug
Beim Thema Selbstliebe würde ich mich schon als Fortgeschrittene bezeichnen … es gelingt mir schon immer öfter, aus Liebe zu mir zu handeln – vor allem in diesen oft heiklen Situationen, wo ich merke, dass mein Gegenüber als Liebesbeweis das Gegenteil von dem haben möchte, was ich grad aus Liebe ZU MIR tun würde. Das ist ja schon ein Abwägen von “was ist jetzt wichtiger” – dass der Andere mich (vermeintlich) liebt oder dass ich mich liebe????
Beim Thema SelbstWERT empfinde ich mich als ein Püppchen im Mensch-ärgere-Dich-nicht-Spiel, dass immer wieder kurz vor’m Ziel rausgeschmissen und zurück auf “Start” gestellt wird *seufz*
Wobei der “Zurücksteller” ja ein Anteil in mir ist … da werde ich den radikalen Egon nochmal rausholen
))
Etwas zu tun, womit ich MIR zeige, dass ICH MICH wertschätze … da bin ich grad echt platt, dass mir da grad so überhaupt nix zu einfällt
(.
Ratlose Grüße – Ulrike
Moin Ulrike,
danke für Deinen ehrlichen Beitrag hier. Hut ab. Das mag ich. Und finde es klasse, dass Du den Mumm hast, Dich so zu zeigen.
Nun zu Deiner Frage: Selbstliebe, Selbstwert und Selbstvertrauen hängt meines Erachtens zusammen.
Nehmen wir mal Dein “Püppchen im Mensch-ärgere-Dich-nicht-Spiel”. Das ist natürlich auf den ersten Blick eine wenig wertschätzende Selbstbetrachtung. Also ein Zeichen von einem nicht ganz so dollen Selbstwertgefühl. Die Folge: Man fühlt sich auch nicht ganz so klasse dabei – und dieser Mangel zu: “Die Falle, in die ich immer mal wieder gerne tappe: die ANDEREN sollen mich lieben/wertschätzen, wie ich grad bin. Wenn sie es nicht tun … ist irgendwas an mir noch nicht gut / richtig genug.”
Wenn man sich selbst nicht mag, anzweifelt, klein redet, dann hat man blöderweise auch oft das Gefühl: Was Gutes habe ich nicht verdient. Und wenn es dann darum geht, sich selbst was Gutes anzutun, kommt man ins Grübeln…
Soweit die eine Seite.
Aber ich finde, es ist auch ein Zeichen von Selbstvertrauen, über die eigenen Gefühle zu schreiben – so wie Du es tust.
Du artikulierst Dich. Beziehst Stellung. Zeigst Dich. Reflektierst Dich.
Und das sind für mich nicht nur Zeichen von Stärke. Sondern auch was Liebenswertes.
Martin
hi martin.
du schreibst es genau richtig, wie kann man sich selbst vertrauen wenn man sich selbst nicht akzeptieren kann. das kann nicht gehen… habe dazu gerade einen weiteren tollen artikel gelesen: http://www.selbstbewusstsein-staerken.net/selbstliebe/ empfehlenswert!
LG,
gitte