Ungeordnete Gedanken zum Sieg der Piratenpartei

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Es ist 23:26 Uhr in der Nacht.

Ich sollte schlafen gehen.

Indes: Ich kann nicht.

Der Grund: Der Sieg der Piratenpartei in Berlin.

9 Prozent. Auf Anhieb.

Auch wenn es “nur” Berlin ist, auch wenn es abzuwarten gilt, was in anderen Bundesländern – wenn überhaupt – geschieht, so ist der Sieg der Piratenpartei für mich kein Zufall.

Sondern ein Indiz für eine größere Entwicklung, die sich meines Erachtens momentan an den verschiedensten Stellen unseres kleinen Heimatplaneten zeigt.

Bevor ich jedoch weiterschreibe: Dies sind, wie der Titel so schön sagt, ungeordnete Gedanken.

Also noch frisch, unausgegoren – eben noch nicht zu Ende gedacht.

Wenn das für Dich ok ist, dann leg ich mal los.

Auf der einen Seite können wir “live” beobachten, wie die Finanzwirtschaft zusehends zerfällt. An den Börsen krachts gewaltig. Die USA ist bis unter die Halskrause verschuldet. Europa ebenfalls. Noch geht es uns Deutschen gut. Aber die Schlagzeilen werden von Tag zu Tag bedrohlicher, finde ich.


(Spiegel Online, Montag, 19.09.)

Jeder Versuch der Politik, das Monstrum zu bändigen, das schon einmal die weltweite Wirtschaft in eine tiefe Finanzkrise gerissen hat, scheint zum Scheitern verurteilt. Griechenland, Italien, Spanien, Portugal – jedes dieser Länder kann eine Kettenreaktion auszulösen, welche die globale Wirtschafterneut erneut in den Abgrund schliddern lassen könnte.

Dabei ist ein interessantes Phänomen zu beobachten.

Schon die erste Finanzkrise 2008 hinterließ ein mutmachendes Erbe. So ergab eine Studie der Bertelsmann Stiftung 2010, dass immer mehr Deutsche den Raubtierkapitalismus verdammen – und an dessen Stelle Werte wie Gemeinschaft oder Familie gesetzt haben.

Nun, da es erneut im Karton rappelt, bekommt diese Stimmungsbild Auftrieb.

So kommen interessanterweise eher konservative Kräfte zu der Erkenntnis, dass “die Linke doch recht” gehabt hat: “„Denn wenn die Banken, die sich um unser Geld kümmern sollen, uns das Geld wegnehmen, es verlieren und aufgrund staatlicher Garantien dafür nicht bestraft werden, passiert etwas Schlimmes. Es zeigt sich – wie die Linke immer behauptet hat –, dass ein System, das angetreten ist, das Vorankommen von vielen zu ermöglichen, sich zu einem System pervertiert hat, das die wenigen bereichert.“

Das schrieb kein Linker. Sondern Charles Moore, ein konservativer Publizist. Und zitiert wurde er von Frank Schirrmacher, dem Herausgeber der FAZ. Also jemand, der nicht nur was zu sagen hat. Sondern der auch gehört wird.

Das ist die eine Seite.

Und auf der anderen Seite können wir weltweit neue, politische Kräfte beobachten.

Zum Beispiel den “Arabischen Frühling”: Die Revolution in Tunesien. Die Befreiung Ägyptens. Die Vertreibung von Gaddafi aus Libyen.

Oder die Studentenbewegung in Chile, angeführt von der Rebellenführerin Camila Vallejo. Von der TAZ befragt, ob die “gegenwärtigen Proteste ein Ausdruck dafür [sind], dass die heutige Generation die Angst verloren hat, oder ein Indiz für den Zusammenbruch des Wirtschaftssystems?”, antwortete sie.

“Viele Faktoren spielen eine Rolle, aber der wichtigste ist die Erschöpfung des Wirtschaftsmodells. Niemand glaubt mehr an die falschen Versprechungen und die Menschen spüren den Missbrauch. (…) Sie merken, dass sie, auf gut Chilenisch, beschissen werden. Sie haben diese Situation lange Zeit ausgehalten, aber jetzt nicht mehr. Die heutige Generation hat tatsächlich keine Angst mehr, gegen eine Diktatur zu demonstrieren. Wir sind des Systems überdrüssig, das uns unterdrückt und die Menschen ausraubt.”

Die Bewegung in Chile ist eng vernetzt mit ähnlichen Bewegungen in Portugal, Griechenland und Spanien. Und vernetzt heißt wie schon bei den arabischen Revolutionen: Übers Internet. Namentlich Twitter und Facebook.

Wenn man den Interviews und Berichten Glauben schenken kann (und dabei ist immer eine Menge Vorsicht geboten), so haben diese Bewegungen einen guten Kern.

Sie sind gewaltlos. Und sie bestehen darauf, dass sie ihre größte Kraft und Wucht aus dem Miteinander ziehen.

“Die Zukunft gehört der Gewaltlosigkeit und der Versöhnung der Kulturen” schreibt der ehemalige Widerstandskämpfer Stéphane Hessel in seinem Essay “Empört Euch“, das seit seinem Erscheinen über eine Million mal verkauft wurde. Und das zu einer Art Standardwerk der neuen Bewegung avanciert ist.

“Wir müssen begreifen, dass Gewalt von Hoffnung nichts wissen will…Die Botschaft eines Mandela, eines Martin Luther King ist eine… Botschaft der Hoffnung, dass die Gesellschaften unserer Zeit Konflikte durch gegenseitiges Verständnis in wachsamer Geduld werden lösen können…”

Kehren wir zurück nach Deutschland. Zu etwas – scheinbar – ganz anderem.

In den letzten Monaten habe ich für das Bielefelder IT-Unternehmen Synaxon ein Leitbild erarbeitet. Nicht ich allein. Sondern zunächst mit dem Vorstand. Dann haben sich die Mitarbeiter daran beteiligt. Insgesamt 70 Leute, die es gestaltet haben.

Diese Arbeit hat mir Einblick in ein Unternehmen verschafft, das sehr ungewöhnliche Wege geht.

Zum Beispiel gibt es dort keine Geheimniskrämerei. Jeder darf alles wissen. (Zwei Ausnahmen gibt es noch: Unternehmenskäufe werden stickum abgewickelt, und die Gehälter sind – noch – nicht transparent). Alles andere liegt offen. Jeder kann sich alle Zahlen ansehen. Jeder veröffentlicht sein Wissen in einem Wiki, eine Art Redaktionssystem, in dem unter anderem alle Unternehmensregeln stehen. Und wer möchte, kann die Regeln jederzeit verändern. Er braucht keine Freigabe vom Chef. Sondern jeder kann eine Anordnung live und direkt umgestalten. Zwar kann der Chef ein Veto einlegen – aber die Veränderung gilt bis dahin.

Das Unglaubliche daran. Diese Freiheit wird nicht ausgenutzt. Die Mitarbeiter sind stolz auf ihre Freiheit und nutzen sie achtsam, engagiert und verantwortungsvoll.

Genau so wie es bei Wikipedia auch funktioniert, das Weblexikon, in das jeder hineinschreiben kann, was er mag – und das heute fachlich und faktisch genauso gut wie ein käufliches Lexikon ist.

Und nun Auftritt Piratenpartei (ich sagte ja, es sind ungeordnete Gedanken): In einem Spiegel Online Bericht wird ein Vertreter der Piraten Parter zitiert: “Die Piraten sieht er als Anti-CDU-Partei. Grüne, Linke und SPD seien sich relativ ähnlich. “Wir wollen mehr Freiheit, die Bürgerrechte sind uns wichtig.” Die Piraten glaubten, so der Mann mit Pferdeschwanz und schwarzem Polo-Shirt, “dass die Menschen intelligent und guten Willens” seien.”

Ich vermute, dass diese Aussage einem Gedankengut entsprungen ist, das mir auch beim Erarbeiten des Leitbildes begegnet ist: Der so genannten XY-Theorie. (Siehe auch Wikipedia)

Die besagt, einfach ausgedrückt, dass es in der Wirtschaft zwei Sichtweisen über Menschen gibt. Die “X-Theorie” geht davon aus, dass Menschen faul sind und nur das Notwendigste tun. Denen ist nur über die klassische Führung (Kontrolle, Peitsche und Belohnung) beizukommen. Die “Y-Theorie” dagegen geht davon aus, dass der Mensch guten Willens ist und sich freiwillig engagiert.

Und ich glaube und hoffe, dass es das ist, was wir gerade erleben.

Dass viele Menschen, möglicherweise sogar die meisten, es satt haben, der alten, negativen Denke von der Schlechtigkeit des Lebens im allgemein und des Menschen im speziellen zu frönen.

Noch haben wir all die alten Muster in uns.

Noch denken viele von uns, dass die Menschen eher schlecht sind.

Aber viele von uns arbeiten in der einen oder anderen Form daran, diese alte Denke abzulegen.

Diese Website ist übrigens mein Beitrag dazu.

Ein politischer Beitrag, wenn man so möchte.

Wenn auch nicht in dem Sinne von Hetze und Polemik, wie wir es bei den meisten Berufspolitikern beobachten können.

Sondern in dem Sinne: Lasst uns was tun.

Auch das ist in meinen Augen Politik.

Und ich bin nicht der einzige: Hunderttausende von Coaches, Trainern und Trainerinnen weltweit leisten den ihren dazu. Sei es in Form von Angeboten zur “gewaltfreien Kommunikation”, Meditation oder in Form zahlreicher Coaching- und Selbstcoachingtechniken, die allesamt darauf abzielen, sich aus dem geistigen Gefängnis von Angst, Sorgen, Zweifeln, Abwertung und Geringschätzung von sich und anderen zu befreien.

Und niemand weiß, ob uns das gelingen wird.

Wie in jeder Krise steckt in dem, was gerade geschieht, gleichermaßen Chance wie Gefahr.

Wird die Piratenpartei eine Eintagsfliege bleiben? Oder werden die etablierten Parteien das Zepter in der Hand behalten und sich ewig weiterstreiten – selbst während einer wirtschaftlichen Krise wie in diesen Tagen?

Werden die Proteste der Jungen weltweit friedlich ausgehen – oder wird es weitere Entgleisungen geben wie die Unruhen in London?

Wird die Finanzkrise zu einer Umkehr führen – oder wird es einen Zusammenbruch geben, der Not und Mangel in vielen Regionen der Welt trägt?

Niemand weiß es.

Denn diese Geschichte… wird gerade geschrieben.

Von uns.

Jetzt.


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  1. Niels Albrecht sagt:

    Hallo Martin,

    das ist ja mal eine ganz andere Seite von Dir. Aber ich finde es gut und richtig, was Du hier schreibst.
    Ich frage mich auch, wie es sein kann, dass wir so viele Umbrüche und Zusammenbrüche in so kurzer Zeit erleben. Oder ich wundere mich darüber, dass Projekte wie Wiki funktionieren.
    Aber das Gute wird siegen!
    Danke sehr.

    Niels

    • Danke!

      Die hat es schon immer in mir gegeben.

      Aber speziell in diesem Jahr bin ich stark ins Nachdenken geraten, was diese Prozesse betrifft.

      Ich finde, da gibt es für mich noch viel zu entdecken und zu lernen. Und darum freue ich mich auf die Diskussionen hier…

      Martin

  2. Wie war das?
    “Du schreibst Geschichte
    an jedem Tag
    denn jetzt und hier
    bist Du ein Teil von ihr”

    in diesem Sinne tragen wir alle zu der Entwicklung der Welt bei.

    Keiner von uns kann die ganze Welt “reparieren”, aber jeder kann einen Betreig dazu leisten, dass sie immer besser wird. Denn wir sind eine Welt voller Ypsilons! :-) )

    Einen lieben Gruss,

    André

  3. Karin Kramer sagt:

    Lieber Martin,

    vielen Dank für dieses “geordneten ungeordneten Gedanken” und …
    JA, unser kleiner Heimatplanet wird gerade wachgerüttelt! “Hinter den Kulissen” wurde diese Tatsache schon lange prognostiziert. Ich für meinen Teil habe entschieden – mein Beitrag zur Geschichte – die Umbrüche, so angstvoll sie erscheinen mögen, als riesige Chancen für Neues zu sehen.
    Nach dem Motto “Was ich fokussiere verstärke ich!”. Ich bin auch der Meinung, dass unser großer kleiner Verstand sich noch nicht recht ausmalen kann, was möglich sein wird. Aber auch diesen Prozess können wir erfolgreichdurchlaufen – wenn wir wollen!
    Liebe Grüße
    Karin

  4. Hallo Martin,

    so ungeordnet hat was, finde ich. Nämlich ganz, ganz viele Anknüpfungspunkte… :-)

    Wenn man die Nachrichten schaut / hört / liest, dann regen sich überwiegend Emotionen wie Angst und Sorge. Und ich denke, das ist irgendwie (wenn auch unbewusst) so gewollt … denn damit kann man Macht ausüben.

    ICH habe aber jederzeit die Wahl, auf welche “News” ich mich ausrichte. Welche Suchbegriffe ich eingebe in meine gedankliche Suchmaschine.

    Und dann kann ich staunend erkennen, an wie vielen Stellen Menschen schon aktiv geworden sind und trotz aller Widerstände etwas geschaffen haben, das einem “neuen Denken” entspricht.

    Spontan fällt mir da meine Krankenkasse (Securvita) ein. Die erscheint mir oft wie das kleine Dorf, in dem Asterix und Obelix leben :-) Die Gründer sind wohl in einen ähnlichen Zaubertrank gefallen und produzieren eine “Rebellion” nach der Anderen … und “die Römer” versuchen mit geballter Kraft “nach altem Denken”, dagegen anzugehen – holen sich aber immer wieder blutige Nasen. Finde ich genial zu beobachten :-)

    Es gibt inzwischen sogar Banken (hier fällt mir spontan die GLS-Bank ein), die “nach neuem Denken” handeln. Es entstehen immer mehr “integrative Gesundheitspraxen”, in denen Schulmedizin und Naturheilkunde unter einem Dach praktiziert werden. Heilmethoden generell werden immer einfacher und effektiver … und werden immer öffentlicher demonstriert, statt heimlich im Hinterzimmerchen ;-)

    Ich bin mir sicher, dass die Ereignisse, die 1989 zum Fall der Mauer beigetragen haben, eine Art Saat waren, die an immer mehr Orten “aufgeht”. Und dass aus dem “Schuldkarma” des 2. Weltkriegs inzwischen etwas anderes erwächst … was in Richtung “jeder von uns kann seinen Beitrag leisten, jeder Einzelne ist wichtig” geht.

    Wobei auch gilt: “Was wir alleine nicht schaffen, das schaffen wir dann gemeinsam” [Zitat aus einem Lied von Xavier Naidoo]

    Für mich persönlich ist “gemeinsam” das Zauberwort …

    Liebe Grüße, Ulrike

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