Warum Wulff weg muss
Als die Geschichte mit dem 500.000 Euro Kredit letztes Jahr hochkochte, habe ich mich ziemlich geärgert.
Nicht über Christian Wulff.
Sondern über die Presse.
Warum müssen wir immer wieder Menschen des öffentlichen Lebens an den Pranger stellen?
Woher dieser Drang, Sündenböcke zu finden und dann einen Shitstorm (siehe Wikipedia) durchs Internet fegen zu lassen?
Darüber wollte ich schon im Dezember schreiben, aber meine Frau kam mir in ihrem Blog zuvor. Wir fanden es beide gleichermaßen blöd, dass diese alte Geschichte ins Licht der Öffentlichkeit gezerrt wurde.
Ja, er hat sich von seinem alten Kumpel Geld geliehen. Und?
Ja, sie haben es so vertuscht, dass es nicht jeder sehen kann. Finde ich auch noch verständlich. Ein Privatkredit ist ein Privatkredit und geht niemanden was an.
Klar: Wenn sich daraus Bestechlichkeiten oder gar Vorteilsnahme ergeben, wäre es nicht in Ordnung. Aber so, wie es bis dahin aussah, gab es das nicht.
Dass er im niedersächsischen Landtag die Transaktion verschwiegen hat, war bescheuert und hart an der Grenze – aber für mich noch nachvollziehbar. Er hatte ja kein Verbrechen begangen. Und wir – die Öffentlichkeit – reagieren leider immer noch allzu oft als Mob. Wenn die Presse nicht mit genug Dreck schleudert, dann gibt es ja immer noch Blogs, Facebook, Twitter und Co. (Hier eine eher humorvolle Variante…)
Wer will sich schon freiwillig einer solchen Tortur aussetzen?
Ich nicht.
Und ich vermute mal: Du auch nicht.
Genau das ist es, was mich am meisten gestört hat und auch heute noch stört: Dass jeder, der nach vorne geht, jeder, der was bewegen will, jeder, der sich im Lichte der Öffentlichkeit bewegt, jederzeit damit rechnen muss, von einer Meute verspottet und gedisst zu werden.
Darum war ich bis gestern der Meinung, dass die ganze Geschichte ein Ende haben muss. Soll er sich entschuldigen. Und gut.
Und nun das: Statt zu seinem Telefonanruf bei Dieckmann zu stehen und eine Veröffentlichung zuzulassen – wieder dichtmachen, wieder die Wahrheit verstecken, wieder Wesentliches verdunkeln.
Aber das ist es doch, was so viele von uns satt haben.
Dieses Spielchen mit der Wahrheit. Das Lügen. Das Vertuschen. Das Tricksen.
Es ist kein Wunder, dass die Piratenpartei in Berlin so gepunktet hat – und warum sie zumindest derzeit in den Umfragen so gute Werte genießt.
Die Priatenpartei steht für Transparenz.
Und das ist der große Trend, der sich überall abzeichnet.
Immer mehr Menschen wollen die Wahrheit. Klarheit. Und damit letztendlich: Authentizität.
Wulff hat das nicht begriffen.
Und darum soll er abtreten.
Besser heute als morgen.
Oder was meinst Du dazu?













Meine Gedanken zu dieser Geschichte. Der Christian Wulff hat seine Lektion zu lernen und ohne Grund ist diese Geschichte nicht an die Öffentlichkeit gelangt. Jeder Mensch ist ein Spiegel meines Selbst, was ich an anderen ablehne, ist ein Teil von mir, den ich nicht akzeptieren kann oder will. Deshalb frage ich mich, wenn ich mich über jemanden ärgere, wo habe ich beschissen oder Unrechtes getan. Was man in den Medien hört oder liest, stimmt eh nur zu 50%. Deshalb bin ich ersteinmal offen und ehrlich zu mir selbst.
Lieber Gruß
Guter Standpunkt!
Martin
Hallo Martin,
ui, spannendes Thema
Vor allem eins, wo ich unterstelle, dass jeder seine ganz persönlichen “Facetten des Falls” wahrnimmt – und wie Roland schon schrieb: er ist der Mann “oben” auf den “das Volk” seine Schattenseiten projezieren kann …
Mir ist zuerst die Parallele zu Guttenberg aufgefallen – die hat MICH erstmal spontan sehr geärgert. Im Zeitalter des Internets und damit auch der Transparenz ist es überhaupt nicht mehr möglich, gewisse Dinge zu vertuschen. Mit “gewissen Dingen” meine ich die abgeschriebenen Passagen bzw. in Wulffs Fall Daten von unterschriebenen Verträgen oder Anrufen, die auf Mailboxen gespeichert werden. Beide haben aus meiner Sicht auch die Medien geliebt und bewusst genutzt, um nach oben zu kommen … DA waren die Berichte aus dem eher Privaten sogar gewünscht.
Resümee für mich: Wulff hätte sich nur anschauen brauchen, wie es bei Guttenberg verlaufen ist … er wiederholt aus meiner Sicht genau die gleichen Fehler.
Wo wiederhole ich in einem ähnlichen Fall die Fehler Anderer?
)
(Mist, da klingelt schon was in mir an …
Ein weiterer Punkt, der MICH extrem ärgert: dieses Amt hat hohe Ansprüche (berechtigterweise, aus meiner Sicht) – diese liegen für mich vor allem in der Persönlichkeit des Präsidenten. Und wenn ich mich zurückerinnere an die Zeit vor der Entscheidung zwischen Wulff und Gauck … da gab es aus meiner Erinnerung eine klare VOLKS-Mehrheit für Gauck, der für mich eine viel stärkere Persönlichkeit ausstrahlt.
Nach 5 Jahren eine LEBENSLANGE hohe Pension plus weiterer Annehmlichkeiten zu erhalten … das zahlen die Bürger. Auch an diesem Punkt habe ich nicht verstanden, wie man da einen so jungen Präsidenten wählen kann … schon rein aus wirtschaftlicher Sicht
Was heißt das jetzt wiederum für mich? Ich habe SEHR HOHE Ansprüche an die Persönlichkeit von Menschen, die Positionen oder Ämter wählen, in denen sie repräsentieren, Vorbild sein wollen UND dafür auch entlohnt werden wollen.
Und da ist für mich eine extreme Schieflage – für das, was er sich da leistet
, ist die lebenslange Pension völlig unangemessen. Ergo: er hat das nicht verdient …
Verdiene ich auch nichts, weil ich meine eigenen Ansprüche noch nicht erfülle? (der Vollständigkeit halber und mehr rhetorische Frage … seufz
)
Letzter Punkt, der mich ärgert: er meint, dass für ihn andere Gesetze gelten als für uns (Darlehen zum halben üblichen Zinssatz, Einflussnahme auf Presse). Und das meint er aus meiner Sicht auch heute immer noch … obwohl er heute in allen Medien vor Augen geführt bekommt, dass diese Gesetze AUCH FÜR IHN gelten.
Welche Gesetze gelten auch für MICH, obwohl ich das anders sehe?
Mein Verstand sagt: Wulff kann und darf mit diesem Verhalten nicht Präsident bleiben. Aber mein Gefühl sagt: weil er uns alle so gut repräsentiert …
wird er wohl bleiben.
Danke für Deinen Gedankenanschubser!
Liebe Grüße, Ulrike
PS: Nach etwas Überlegung muss ich den letzten Satz ergänzen:
Es sei denn, die Mehrheit will nicht mehr in den eigenen Spiegel blicken und will “im Außen ändern”. Hier sehe ich wieder die Macht der Meinungsbildung via Medien, speziell Internet. Und da Wulff sich speziell DEREN Ärger zugezogen hat (extrem ungeschickt) … würde ICH ihm raten (wenn er mich fragen würde
), sich einen sehr guten Coach zu suchen und dieses Handeln aus Angst sein zu lassen. Dann hätte er ne gute Chance, sein Amt zu behalten.
So .. den sehr guten Coach hab ich schon. Bleibt der zweite Teil für mich zu tun …
)))
Andere Frage… Welchem Multimiliardär ist Wulff auf die Füße getreten(hat Pläne durchkreuzt) das sein Abschuss veranlasst wurde ?
Er ist keinem Multimillionär auf die Füße getreten, sondern hat durch seine positiven Äußerungen zu Muslimen den Zorn der BILD und FAZ auf sich gezogen – und gegen die ist man im Zweifelsfall (bei ausreichend Unterstützung durch den “Mob”) machtlos …
Das Problem scheint eher zu sein, dass er Multimillionären eben nicht auf die Füße getreten ist, sondern sich von denen Gefälligkeiten hat erweisen lassen, die diese wiederum durch politische Vorteile wettgemacht bekommen haben sollten – so vermutet es zumindest die Staatsanwaltschaft.
Wulff und die Bildzeitung waren sehr lange Zeit gute Freunde. Auch noch, als er Bundespräsident war und eine Integrations-Strategie verfolgte.
Als die Bildzeitung jedoch Wind davon bekam, dass Wulff vor dem Nierdersächsischen Landtag eventuell die Unwahrheit bezüglich seines Hauskredites gesagt hat, gab die Bild Wulff Gelegenheit zur Stellungnahme. Wulff bedrohte in Telefonaten, so lauten die Zeugenaussagen, sowohl Vorstand als auch Chefredaktion. Dafür hat er sich später entschuldigt.
In einem Sonder-TV Termin beim ZDF behauptete Wulff, dass dem nicht so ganz gewesen sein sollte, was wiederum die Bild verärgerte. Die Bild schlug vor, die Aufnahme oder eine Abschrift zu veröffentlichen, aber Wulff lehnte ab.
Spätestens seit dem Zeitpunkt dürfte das Verhältnis zwischen Wulff und Bild nachhaltig getrübt gewesen sein.
Darum kann ich Deiner Argumentation nicht folgen.