Wie man den innerlichen Motzkopf zum Verstummen bringt (2/3)
Im ersten Teil dieser Artikelserie habe ich ihn vorgestellt: Den Motzkopf.
Ein typisches Beispiel schrieb mir die Leserin Ute: Wenn sie mal bei der Arbeit schwächelte, „kamen solche Sätze hoch wie: “Siehst du, Du kannst das einfach nicht mehr, begreif´s endlich!” oder ” Du bist einfach eine faule Sau, du hast nur keinen Bock!” oder “Du bekommst nie wieder einen ordentlichen Arbeitsalltag hin.”
Genau das ist er: Der innerliche Motzkopf.
Er ist streng. Er ist herrisch. Er ist gemein. Und es wird höchste Zeit, seine Macht zu brechen.
Aber wie?
Das ist die große Frage.
Um sie zu beantworten, müssen wir erst verstehen, woher der Motzkopf kommt, warum es ihn gibt und welche Funktionen er ausübt. Und genau darum geht es in diesem Artikel, den Du gerade liest. Konkrete Techniken lernst Du dann im dritten Teil kennen – aber die werden Dir erst richtig nutzen, wenn Du die Hintergründe kennst.
Deswegen: Auf ins Getümmel.
Woher der Motzkopf kommt
Die meisten von Euch ahnen es bestimmt schon: Die Erziehung war aller Laster Anfang.
„Ich denke das der Motzkopf durch äussere Umstände entsteht, das heisst, wenn wir in einem Umfeld gross geworden sind, in dem wir anderen (z.B.: den Eltern, Lehrern u.s.w.) nie gerecht werden konnten“, schrieb mir Paula als Kommentar auf meinen ersten Artikel in dieser Serie.
Und recht hat sie.
Als Kinder lernen wir als schnell, was in Ordnung ist. Und was nicht.
Wenn es in der Familie zum Beispiel ruppig und aggressiv zugeht, dann ist es nicht in Ordnung, ein „Weichei“ zu sein. Hart zu sein, zu- und zurückschlagen zu können – das ist in einem solchen Umfeld eher akzeptabel.
Wächst jemand dagegen in einer intellektuellen Familie auf, wäre diese offene Form der Aggression als asozial gebrandmarkt. Und „asi“ will man nicht sein, weil es Stress, Ärger, Konflikte und andere Unannehmlichkeiten mit den Menschen bedeuten würde, die man liebt – und von denen man letztendlich abhängig ist. Auch körperlich.
Wir entwickeln so schon recht früh eine Vorstellung davon, wie wir sein sollen. Ein Ideal, mit klaren Grenzen. Manche Verhaltensweisen und Charakterzüge passen in den Rahmen dieser Idealvorstellung. Anderes ist dagegen Tabu.
Um diese Grenzen zu ziehen, gebrauchten unsere Erziehungsberechtigten (unter anderem) Gewalt.
Das müssen nicht immer Schläge sein. Auch ein Anbrüllen ist eine Form von Gewalt, weil Angst einflößend. Und Angst tut weh. Körperlich. Und seelische: Wir können bei Angst nicht mehr klar denken, fühlen uns hilflos und unterlegen. Häufig wird dieser Form des Angriff noch eine ordentlich Portion Abwertungen beigemischt: „Was bildest Du Dir eigentlich ein? Sag mal, bist Du eigentlich komplett bescheuert? Wenn Du so weiter machst, landest Du in der Gosse.“
In solchen Situationen wird unter Umständen nicht nur das eigene Selbstbild und damit das Selbstwertgefühl beschädigt, sonder noch etwas Weiteres „gelernt“: Motzen als Methode.
Wir erleben ja „live“ mit, dass Motzen eine Verhaltensänderung bringen kann, und darum übertragen wir das Gelernte leicht auf andere Lebensbereiche: Ein Schulfreund zieht nicht so mit, wie wir wollen? Dann gibt es Haue. Oder Motzen. Oder beides.
Und damit wir nicht anecken, damit wir uns selbst sozusagen innerhalb der erlaubten Grenzen bewegen, motzen wir auch mit uns selbst.
Schön brav an der Leine
Tatsächlich bilden wir schon früh die Verhaltensweisen der anderen in uns selbst ab. Die so genannten Spiegelneuronen in unserem Gehirn sorgen dafür, dass wir das Ausrasten des Klassenlehrers, die Wut der Mama und das Gekloppe in den Computerspielen als mögliche Verhaltensweise abspeichern.
Und wann immer wir von der gelernten Norm abweichen, wenden wir halten eben Gewalt auf uns selbst an. Entweder, in dem wir uns selbst runterputzen (“Du Versager, Du bringst es doch eh nicht.”). Oder in dem wir uns Druck machen (“Lass Dich doch nicht so hängen. Was glaubst Du denn, wie Du dastehst, wenn Du weiter so faul bist.”)
Dabei ist die Absicht dahinter keineswegs eine schlechte: Wir wollen mit unserem Umfeld klarkommen, wir wollen gut leben, besser noch: glücklich sein.
Deswegen denken wir dann oft: “Wenn das durch Anpassung zu erreichen ist, dann sei es drum. Dann halte ich mich selbst im Zaum.”
Trefflich bringt das Ganze die Autorin Dr. Petra Bock in ihrem kongenialen Buch „Mindfuck“ auf den Punkt: „Noch in meinem Poesiealbum aus dem Jahr 1979 fand ich den Spruch: »Um sich frei zu fühlen, gibt es ein einfaches Mittel: nicht an der Leine zerren.«”
Jepp.
Und damit kennen wir übrigens die Funktion des Motzkopfs: Er sorgt dafür, dass wir die sauber getrimmten Grenzen des Erlaubten und Beliebten nicht überschreiten.
Fallen wir dennoch mal aus dem Rahmen, erhebt er sein Haupt und legt los.
So weit, so gut.
Falls „gut“ als Begriff überhaupt angemessen ist.
Denn leider ist das noch nicht alles.
Das merkt man spätestens, wenn man den Motzkopf abstellen möchte. Wer es einmal versucht hat, wird schnell merken, dass es sich hier um ein schier unmögliches Unterfangen zu handeln scheint.
Warum der Motzkopf so mächtig ist
Selbst wenn man dem Rat einiger Psychologen folgt und den Motzkopf anbrüllt (einfach innerlich „Stop“ schreien), wird er zwar für kurze Zeit zum Verstummen gebracht – aber kurz darauf poppt er erneut wie ein Springkasper aus seinem Kästchen heraus und verwöhnt uns mit einer weiteren Tirade.
Denn die Wurzeln des Motzkopfs reichen viel tiefer: Es sind nicht nur die Eltern, die uns das Motzen beigebracht haben – wir leben in einer Kultur, die von Gewalt und Beherrschenwollen durchdrungen ist.
Und das hat Geschichte, wie die Autorin Dr. Petra Bock In dem weiter oben schon zitierten Buch „Mindfuck“ darlegt. Das letzte Jahrhundert war gekennzeichnet von einem obrigkeitshörigem Kaiserreich, in dem Bürger noch Untertanen waren. Dem folgte nach einem verunglückten Demokratieversuch die Diktatur der Nazis, die zwar am Ende des zweiten Weltkrieges zerschlagen worden war – deren geistiges Wirken jedoch in den Köpfen der Kriegs- und Nachkriegsgenerationen weiter herumgeisterte.
Einfach Beispiel: Die Rolle der Frau.
Im Kaiserreich, bei den Nazis und auch danach fußte die Familie auf einer strengen Hierarchie: In der Familie war der Vater der unangefochtene Herrscher. „Kinder und Frauen waren seiner Herrschaft unterworfen. Oft genug wurde ihr Wille mit Gewalt gebrochen. Noch heute kann man aus der älteren Generation, z.B. meiner Großelterngeneration, Sätze wie »Eine Tracht Prügel hat noch niemandem geschadet«“ schreibt Petra Bock.
Wie sehr sich dieses Herrscherdenken in unsere Zeit gerettet hat, kann man daran ablesen, dass Frauen erst Anfang der 1970er Jahre das Recht bekamen, einen Arbeitsvertrag ohne die Zustimmung ihres Mannes zu unterschreiben. Dass eine Ehefrau ohne Zustimmung ein eigenes Konto führen durfte, wurde erst 1972 legalisiert.
Und wie wenig sich an der alten Denke geändert hat, zeigt eine aktuelle Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsförderung: „Bei den 200 größten Unternehmen Deutschlands saßen 2011 nur in drei Prozent der Chefsessel Frauen – damit lag der Anteil genau so niedrig wie im Jahr davor. Anders ausgedrückt: Nur 28 von 942 Vorstandsposten wurden 2011 von Frauen besetzt. “Hier herrscht eine männliche Monokultur”, sagt Mitautorin Elke Holst.“ (Siehe Spiegel-Online)
Dabei sind nicht nur Frauen das Opfer. Auch Männer: “Nach oben buckeln und nach unten treten”. Wir alle haben es drauf.
Wir kuschen. Aber beim nächsten Streit kann es passieren, dass wir ausrasten und den anderen zur Sau machen (entschuldige die Wortwahl, aber man muss das Kind halt beim Namen nennen).
Ob bei der Arbeit, ob in der Schule, ob in der Familie oder unseren Liebesbeziehungen: Wir haben gelernt zu gehorchen. Oder ordentlich auszuteilen. Häufig eben auch beides.
Und weil diese Untertanendenke so allgegenwärtig ist, stehen wir vor einem immensen Problem: Wir merken oft erst viel zu spät – wenn überhaupt – dass wir Opfer einer Haltung geworden sind, die uns einkonditioniert worden ist. Wir glauben, dass dieses Unnatürliche etwas Normales sei – und verstehen nicht, warum wir damit soviel an die Wand fahren.
Und wenn wir es dann endlich doch begreifen, werden wir gleich mit der nächsten Hürde konfrontiert: die Ängste, mit denen der “Motzi” installiert wurde. Was werden die anderen sagen, wenn ich meine eigene Meinung kund tue? Wie reagiert mein Chef? Was sagen meine Kunden dazu? Verliere ich nicht meine besten Freunde, wenn ich nicht mehr so bin wie früher?
Kurz: Den Motzkopf auszuschalten, weckt existenzielle Befürchtungen.
Es geht sozusagen ans Eingemachte.
Und genau das macht den Umgang mit dem Motzkopf so schwierig.
Aber es gibt Wege und Mittel, die ich Dir im dritten Artikel vorstelle.
Zuvor aber möchte ich jedoch von Dir wissen: Macht das Sinn für Dich? Siehst Du das genau so?
Schreib mir doch, was Du dazu meinst.
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Lieber Martin, für mich macht das sehr viel Sinn, was Du schreibst. Ich habe auch so einen Motzkopf und phasenweise ist dieser sehr aktiv und pfiffig und so macht er mir das Leben schwer. Das sind die Phasen, wo es mir nicht so besonders gut geht und ich eh schon etwas labil bin, das schlägt er zu und gewinnt Oberhand.
Meine beiden Eltern sind im Krieg groß geworden, mein Vater war auch im Krieg und da fiel schon der eine oder andere harte Spruch und die Erziehungsmethoden waren nicht unbedingt liebevoll. Doch woher sollten sie es besser wissen, sie sind ja noch strenger und noch grausamer groß geworden. Als kein Wunder, dass wir so einen widerlichen Motzkopf in uns haben. Ich habe die beste Erfahrung damit gemacht, ihn anzuerkennen und mit ihm zu reden. Ich bin schon sehrg gespannt, was Du vorschlägst.
Das Buch von Mindfuck habe ich letztes Jahr gelesen und ich kann es nur allen hier wärmstens empfehlen, ich werde es nochmals lesen. Es ist saugut.
Schönes Wochenende und liebe Grüße
Brigitte
Hi Martin.
Ich kann deinen Beitrag und deine Gedanken sehr gut nachvollziehen. Ich sehe das ähnlich. Ich bin in einer Familie aufgewachsen, wo eine eigene Meinung haben nicht gern gesehen wurde. Interessanterweise ging das weniger von meinem Vater aus, als von meinen Geschwistern und meiner Mutter. War ich einmal nicht ihrer Meinung, wurde ich so hingestellt, wie ich blöd wäre und gar keine Ahnung hätte und noch schlimmer, ich wurde mit Liebesentzug bestraft.
So war ich darauf konditioniert die Fühler auszufahren und mal zu spüren, was da für Aeusserungen legitim waren und gehört werden wollten. Erst mit meiner Coachausbildung wurde mir dann bewusst, dass es normal ist eine EIGENE Meinung zu haben und dass es ok ist auch wenn meine Meinung nicht mit der Meinung anderen übereinstimmt. Ich lernte mich zu äussern und auch Sachen, die für mich nicht stimmten anzusprechen.
Die Folge war dann, dass ich verschiedentlich aneckte. Ich war mir nun treu, sagte was ich dachte und machte das, was ich für richtig fand, handelte mir aber so auch einige Schwierigkeiten ein. So z.B. auch an meiner Arbeitsstelle als ich mich weigerte Dinge zu tun, die ich innerlich nicht verantworten konnte. Ich habe mich für meine Mitarbeiter eingesetzt und Missstände aufgedeckt. Leider war die Folge daraus, dass mir die Stelle gekündigt wurde. Das war ein harter Brocken für mich. Und da kamen mir auch die Zweifel, ob dieser Weg, zu sagen was man denkt und sich treu zu sein, richtig ist, wenn man dann solche Konsequenzen in Kauf nehmen muss. – Da war es ja vorher einfacher?!
Ich war versucht, wieder in die alte Verhaltensform zurückzugehen und dafür mehr wieder in Harmonie zu leben. Ich hatte eine richtige Krise. Im Grunde genommen will ich ja nichts als meinen Frieden. Da hat sich der Mozzi gehörig gemeldet: “Siehst du, das hast du nun davon!” Irgendwie schien sich die Familienphilosophie zu bewahrheiten!
Ich finde, dass es sehr schwierig ist, gegen diese Stimmen, die von der Familie her kommen, gegen diese anzukommen. Schlimmer noch, das Leben scheint da noch mit Erlebnissen zu bestätigen, dass die anderen resp. die Familienphilosophie doch recht hat.
Interessant, wenn man da die Gelegenheit hat in andere Familien hinein zu sehen, wo ganz andere Gesetze herrschen.
Es grüsst herzlich
Anita